Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt

Es ist fünf Uhr in der Früh und der Wind pfeift um die Maasai Boma, die mein Zimmer ist. Wir sind wieder am Western Kili angekommen, wo unsere Reise vor zwei Wochen begann. Im schwachen Licht des Neumonds kann ich vom Bett aus schemenhaft den Kilimandscharo sehen, denn die Schneekappe leuchtet mit den Sternen um die Wette. Und ich erinnere mich, wie ich vor mehr als 30 Jahren mit meinem Vater zu Hause vor dem großen Atlas mit den goldenen Seiten sitze und er mir erklärt, dass es in Afrika einen Berg gibt, der so hoch ist, dass es dort schneit. Vielleicht war das der Moment, wo es um mich geschehen war? Die Stunde Null meiner Faszination für Afrika?

„Was erzählst Du Menschen, die sich für Tansania interessieren? Warum Tansania?“, fragt mich der Reporter von ITV Tanzania zum Abschluss eines langen Interviews in Momella im Arusha Nationalpark. Ich muss kurz überlegen, weil ich doch schon so viel in so viele Mikrofone gequasselt habe in den vergangenen 24 Stunden.

„Sekretariat Maren Brenneke, Corina speaking“, sagt Corina zu mir, als sie bei der Autofahrt vom Lake Eyasi zurück nach Karatu ein weiteres Gespräch beendet hat, und lacht sich kaputt. Ihr Telefon bimmelt beinahe unausgesetzt, seit es sich in Dar Es Salaam herumgesprochen hat, dass wir im Land unterwegs sind. Alles fing damit an, dass Melky, seines Zeichens auch Safari-Guide der örtlichen Agentur meines Vertrauens, KILAWENI, sich vor Anrufen nicht retten konnte. Ob Kilaweni etwa Gäste habe, man hätte ein Auto mit WAGENI, Suaheli für Fremde, darin gesehen. So traurig die Situation eben ist, aber damit sind wir fast so interessant wie Außerirdische. Tausende Menschen sind arbeitslos, Existenzen sind bedroht, Leben sind bedroht.

Zuerst will uns der Oberboss der NCCA, Ngorongoro Crater Conservation Area, sprechen. Wir haben ein durchaus strammes Programm, können es aber einrichten, dass wir uns auf einer Lodge, die ich mir ansehen möchte und muss, kurz treffen. Zu dem Zeitpunkt ahnen wir alle noch nicht, was hier gerade passiert. Er ist schon da als wir eintreffen, und er sieht in seiner militärischen Uniform mit Barett ziemlich furchteinflößend aus. Und er hat zwei Kameramänner dabei. Uff. Ich sehe aus wie Hupe, Staub im Gesicht und zerzauste Haare, fleckige Jeans, Poloshirt, kurz: bestens gekleidet für einen PR-Termin mit dem wichtigsten Mann von ganz Ngorongoro. Ach. Du. Scheibenkleister.

Die Dinge nehmen ihren Lauf, er stellt sich uns vor, lächelt mich warm an und ich sehe Güte in seinem Blick. Ok, denke ich, mit Dir kann ich reden. Und das tun wir. Er will alles wissen. Warum wir da sind, was wir gesehen haben, und, ob Gäste kommen. Immer wieder will er von uns wissen, wann die Gäste zurückkommen und was er dafür tun kann. Ich spüre die Last der Erwartungen und Hoffnungen, und sie ist drückend schwer. Aber ich weiß, dass ich etwas tun kann. Ich kann mich hinsetzen und bloggen, ich kann um 5 aufstehen und Bilder hochladen, ich muss noch mehr tun. Wir alle müssen noch mehr tun. Das hier ist kein Business, das ist weltrelevant.

Und Corinas Telefon bimmelt munter weiter. Die deutsche Botschaft ist in heller Aufregung, weil sie von der im Land umherreisenden DELEGATION nichts wusste. Linda, die einfach um zwei zum Bahnhof gekommen ist, grinst sich eins und Andreas und ich grinsen mit. Wir sind doch einfach nur ein bisschen auf Safari gegangen, aber jetzt sind wir ein Politikum. Der Tourismusminister wünscht uns zu treffen, jedoch in Dar Es Salaam. Das kriegen wir nun wirklich nicht hin, aber dafür verabreden wir uns mit dem tansanischen Tourist Board für den nächsten Tag im Arusha Nationalpark. Sie rücken mit zwei lokalen Journalisten und professionellen Kamerateams an. Ähm. Okay. Der PR-Manager stellt sich uns vor und er hat einen Plan. Pirschfahrt, Interviews, Szenen drehen. Witzig ist, dass wir den nicht unerheblichen Eintritt für den Park ja selber voll gezahlt hatten, doch über solche Kleinigkeiten darf man sich in Afrika nicht aufregen. Mir ist das ehrlich gesagt auch eigentlich viel lieber so! Wir ziehen unser ganz normales und geplantes Programm durch, und wenn das jemand filmen möchte, bitte sehr. Kein Problem. Ich gebe auch gerne ein Interview, aber ich möchte mich nicht instrumentalisieren lassen. Ich setze gewiss nicht nur fürs Foto eine Maske auf oder dergleichen. Auch in Deutschland gibt es im Freien keine Maskenpflicht. „Ich helfe Euch von Herzen gerne, ich mache alles, aber nur, so lange wir zeigen, was ist!“, sage ich zu Francis. Und das ist doch eine ganze Menge! Es gibt sie ja wirklich an jedem Restaurant, an jedem Hotel- oder Nationalpark-Eingang, die Aufforderung zum Händewaschen. Weil in Tansania viel mit den Händen gegessen wird, sind diese Apparaturen ohnehin weit verbreitet und nichts so furchtbar Neues für die Menschen hier. Mit Fußpedalen werden Seifenspender und Frischwasser bedient, das ist hygienisch und praktisch. Das Fiebermessen wird jetzt in Corona-Zeiten wirklich flächendeckend praktiziert. Sie haben die Geräte an den Parkeingängen und in den meisten Lodges. Ob irgendjemand die Zahlen, die das Thermometer ausspuckt, deuten kann, das steht auf einem anderen Blatt Papier.

Sie filmen also begeistert, wie Wilson unseren LandCruiser vor Abfahrt von innen und außen desinfiziert. Das zählt zu der Reihe von Maßnahmen, die die TATO, Tanzanian Association of Tour Operators, erlassen hat. Unsere Autos werden zusätzlich zukünftig nach jedem Gästewechsel in einer Werkstatt professionell gereinigt, darum hat Seif sich gekümmert. Die Services dazu sprießen hier wie Pilze aus dem Boden, da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Wir starten unsere Pirschfahrt bei bedecktem Himmel und leichtem Nieselregen, aber wir sehen Zebras und Giraffen, dichten Regenwald und viele bunte Blumen. Die Schwarzäugige Susanne wuchert hier großflächig und ich erkläre dem netten Kameramann, dass man sie in Deutschland in Töpfen kaufen kann. Auf einer Lichtung kloppen sich zwei Wasserböcke. Der Journalist will wissen, was ich sehe. Ich mustere die Tiere durch mein Fernglas und bewundere vor allem ihre riesigen Ohren und die großen, braunen Kulleraugen. „Ich kann auch gut hören und habe große braune Augen!“, feixt Linda und ich bin ja so froh, dass sie mitgekommen ist. Corina, Wilson, Andreas und ich, wir erfreuen uns jeden Tag an ihrer Begeisterung über all die großen und kleinen Wunder Afrikas. All die Schönheit der kleinen Dinge, die man nach vielen Jahren auf der Piste nicht mehr so wahrnimmt wie beim ersten Mal, wenn alles aufregend und neu ist. Das ist wie frisch Verliebtsein.

Und sie filmen und drehen, fragen und dirigieren. „Als mein Vater pensioniert wurde ist auch ein Filmteam angerückt und ich musste 10 mal hintereinander mit der Kaffeetasse in der Hand auf die Terrasse gehen und „wollen wir jetzt frühstücken?“ sagen“, sagt Linda trocken „kenn ich schon!“

Die Interviews sind dann ausführlich und gehen ziemlich weit über 08/15-Fragen hinaus. Die Reisewarnung ist ein heißes Eisen, aber ich halte sie nun einmal für falsch und dazu stehe ich auch vor der Kamera. „Wenn ich in Frankfurt aussteige kommt der Bundesgrenzschutz und dann macht es an beiden Handgelenken klick!“, sage ich zu Andreas und mir ist ein bisschen ungemütlich. „Aber in Deutschland darfst du alles sagen, Maren!“, muntert mich mein österreichischer Freund auf, und er hat ja Recht. Und ich bleibe dabei. Pauschal 160 Länder der Welt als ‚unsicher‘ zu deklarieren ist ein Fehler, und es ist rücksichtslos gegenüber den Menschen in diesen Ländern, die vom Tourismus existenziell abhängig sind. Ich glaube, dieses „Germany first“ Gehabe wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen und das stimmt mich ziemlich nachdenklich.

Nachdem alles im Kasten ist und alle zufrieden sind kehrt wieder Ruhe in unserer so harmonischen und glücklichen Reisegruppe ein und wir steuern zum Abschluss noch einmal die Maasai Lodge an. Das Wetter hat komplett gedreht, die Sonne scheint und der Kili zeigt sich. Sie freuen sich hier riesig über unsere Rückkehr und fühlen sich geehrt, dass wir sie zum Abschluss nochmals ausgewählt haben. Aber Ehre wem Ehre gebührt, das ist ein tolles, rundes Produkt und ich freue mich, hier sein zu können. Hier in dieser Lodge und hier in diesem Land, wo es so viel Freundlichkeit und Wärme gibt. „Wenn man in Deutschland jemanden auf der Straße grüßt, kann es Dir gut passieren, dass der fragt: Kennen wir uns?“, erklärt Linda Wilson, der das überhaupt nicht verstehen kann. „UND wir schließen unsere Mülltonnen ab!“, ergänze ich.

Das Licht wird zum Abend hin warm und ein lauer Wind weht, als wir uns auf einem Hügel zum Sundowner treffen. Rechts leuchtet der Kilimandscharo rosarot, links linst der Gipfel des Mount Meru aus den Wolken. Ich habe ein Glas Weißwein in der Hand, meine Freunde bei mir und die Maasai tanzen und singen im Licht der untergehenden Sonne, die heute wie zur Feier des Tages glutrot am Horizont versinkt.

„Was erzählst Du Menschen, die sich für Tansania interessieren? Warum Tansania?“, fragt mich der Reporter von ITV Tanzania.

„Wenn du friedliche Zebraherden vor der Kulisse des schneebedeckten Kilimandscharo durch die Maasaisteppe ziehen siehst, ich meine, was willst du noch?“

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