1500

Krückeberg, Mitte der 90er Jahre

„Fünfzehnhundert!“, dröhnt die Stimme von Bobby Deichmann – das ist mein Vater – durchs Treppenhaus, die Tonlage ist eindeutig fragend und auffordernd. Ich sitze zu der Zeit gerade am Schreibtisch in meiner Zweizimmerbude unterm Dach unseres Elternhauses und schwitze über den Mathe-Hausaufgaben der 11. Klasse. Warum in Dreiteufelsnamen müssen die jetzt Pfeile über Buchstaben setzen, um eine Ebene zu bestimmen? In meinem ganzen Leben werde ich nichts mehr nach X auflösen, das weiß ich ganz sicher. Das braucht doch echt kein Mensch. 1500? Was will er nur? Ich checke es nicht und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den sich mir nicht erschließen wollenden Code im Buch vor meinen Augen. Kurze Zeit später schallt es erneut durchs ganze Haus, dieses Mal noch eindringlicher und mit leicht spöttischem Unterton: „Fünfzehnhundert!“ Das scheint irgendwie mir zu gelten.
Ach sooooo! Na loggisch, er meint natürlich mich! Ich renne die Treppe hinab, froh über die Erlösung von dieser idiotischen Mathe-Aufgabe, der ich mich trotzdem tapfer gestellt hatte, springe durch die offene Tür in die Wohnung meiner Eltern und grinse. „Was’n, Papa?“ Er strahlt mich wohlwollend an, während meiner Mutter die Fragezeichen noch deutlich ins Gesicht geschrieben stehen. „Ist doch klar, Mama!“, kläre ich sie auf. „1500 – MD, römische Zahlen!“

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Moviestar

„Festhalten!“, ruft Aminieli, legt mit einer geschmeidigen Bewegung durch den ganzen Körper den ersten Gang ein und tritt das Gaspedal durch. Der schwere LandCruiser setzt sich abrupt in Bewegung, wir verlassen unser Versteck unter Akazienbäumen und rasen nur kurze Zeit später über die holprige Grassavanne die paar Hundert Meter hinunter bis zum Mara-Fluss.

Es ist August und somit die Zeit der berühmten Flussquerungen der Gnu- und Zebraherden in der Serengeti, die ihren uralten Instinkten folgen und die reichen Weidegründe der Maasai Mara ansteuern, wie der kenianische Teil dieses weltberühmten Ökosystems genannt wird.

Aminieli bringt uns mit all seiner Routine für die beste Fotografier-Position quer ab, aber in diesem Sommer gibt es ohnehin keinen Streit um die besten Plätze, denn wir teilen dieses Erlebnis mit nur sieben weiteren Autos. Wo sich sonst bis zu hundert Fahrzeuge drängeln herrscht im Covid-Sommer beinahe beschauliche Ruhe, als wäre man in der Zeit zurück in die 50er Jahre gereist, als Grzimek dieses Spektakel gefilmt und für dessen dauerhaften Erhalt gekämpft hat.

Wer macht den ersten Schritt? Es braucht vor allem Geduld hier oben am Mara. Die Herden sammeln sich mal hier, mal da. Irgendwann geht ein mutiges Tier voraus und blökt laut, als wenn es sagen will „Geh Du!“, während ein Kollege zu antworten scheint: „Ich? Bist Du verrückt? Geh doch selber!“, und so zieht sich das Schauspiel über Stunden hin. Vor und zurück, dann wird möglicherweise erst einmal Siesta gehalten und plötzlich dann geht dann alles ganz schnell, wenn zu viele Neuankömmlinge nachrücken und das erste mutige Tier sich in die Fluten stürzt, wo Krokodile die gewetzten Messer in den Händen halten und sich vormals gelangweilte Raubtiere am anderen Ufer blitzschnell erheben und in Stellung bringen. Es ist ein episches Schauspiel, traurig und wunderschön, auf Leben und Tod, fressen und gefressen werden. Wer den Gefahren im Wasser entrinnt, muss an der gegenüberliegenden Seite die steilen Wände hinaufklettern. Die meisten Tiere schaffen die Hürde mit scheinbar letzter Kraft, andere rutschen zurück und reißen wieder andere mit. Eine sorgende Gnu-Mutter kehrt mitten im Fluss um und will ihr verzweifelt rufendes Kalb holen, doch das entpuppt sich als Hasenfuß, das sich heute nicht überzeugen lässt, die Seite zu wechseln. Mutter und Kind entscheiden sich schließlich für einen Verbleib in Tansania und lassen die Herde ziehen. Vorerst.

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Im Rechtfertigungsmodus

Ich fliege also nochmal nach Afrika. Ich erwarte nicht, dass das jedem gefällt. Erfreulicherweise gibt es aus dem persönlichen Umfeld entweder Zuspruch oder begründete Äußerungen der allgemeinen Besorgnis.

Aber ich frage mich doch: Was erlaubt sich eigentlich die Medienlandschaft quer durch alle Kanäle gerade? Kann es wahr sein, dass ich mich rechtfertigen muss, nur, weil ich es wage, meine afrikanischen Geschäftspartner und Freunde nicht im Stich zu lassen?

Oh, wie mir dieses eindimensionale schwarz-weiß-Meinungshoheit-Besitzertum-Gehabe auf die Nerven geht! Ganz so einfach ist es leider nicht. Mein Vater hat immer gesagt, er beneide diese Menschen, die immer genau wissen, was richtig und was falsch ist. Denn die bräuchten ja nie nachzudenken.

Wer Reisende in sogenannte Risikogebiete als egoistische potentielle Gefährder der Gesellschaft brandmarkt, den würde ich gerne fragen: Was sind denn Risikogebiete? Die definiert das RKI. Was weiß das RKI über die Maßnahmen der TATO in Tansania? Ich bin überzeugt: Wüßten sie mehr, dann würde Tansania nicht auf dieser Liste verbleiben. Privatreisen in geschlossenen Personenkreisen durch die Natur in Unterkünften, die klein und oft zu vielen Seiten offen sind. Mitarbeiter in Camps, die sich strikt an ein ausgefeiltes Hygienekonzept halten, weil sie die Notwendigkeit verstanden haben. Weiterlesen „Im Rechtfertigungsmodus“

Tansania 2.0 – es muss einfach sein!

Es ist wie es ist 🤩 – ich fliege nochmal nach Tansania, und wer Bock hat, kann mitkommen. Weil es NIE NIE NIE wieder so wird, wie dieses Jahr. Keine anderen Leute, wie 1950, wie zu Grzimeks Zeiten! Die Mara-River-Crossings der Großen Tierwanderung. Das kann ich einfach nicht verpassen.

Was Du brauchst:
– 6 Monate gültiger Reisepass
– Zeit vom 7.8.-18.8.
– 3300 Euro (290 Euro Zuschlag, wenn Du ein Einzelzimmer brauchst) für die 10-tägige Safari ab/bis Kilimandscharo Flughafen – das ist unverschämt günstig im Vergleich zu dem, was es in „normalen“ Jahren oben am MARA kostet.
– Flug mit Ethiopian Airlines aktuell ab 850 Euro/Eco, 2300 Euro/Business im Angebot
– ein bißchen Alexander von Humboldt-Weltentdecker-Spirit 😉

Was Du nicht brauchst:
– irgendwelche Impfungen

aktuelle COVID-19 Hinweise:
https://www.abenteuer-tansania.de/aktuelle-covid19-hinweise/

Ich gehe davon aus, dass Du eigenverantwortlich handelst und sicher bist, dass Du selbst gesund bist. Unser Safari-Guide lässt sich vorab COVID testen. Wir sollten ihm die gleiche Höflichkeit erweisen oder unserer Sache sicher sein.

Also – wer kommt mit?

PS.: Die meisten Videos der vergangenen Reise sind bei YouTube jetzt online! Hier geht’s zur Playlist.

Programm_Maren

Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei

„Widerlicher Typ!“, meint Linda, und wie so oft liegt sie mit ihrem Urteil richtig. Sie braucht in der Regel nicht mehr als 10 Sekunden um Menschen grob einzuordnen.

Wir nehmen unsere Plätze im Dreamliner nach Addis Abeba ein. In der Business Class steigt leider das Gäste-Benehmen nicht linear mit dem Komfort.

Unser spezieller Freund im Polo Ralph Lauren-Shirt hält nichts von Mundschutz und setzt sich auf der ersten Teilstrecke unserer Heimreise zu allem Überfluss auch noch direkt hinter uns (während der Rest der Plätze, einschließlich seinem, frei bleibt) um die ganzen vier Stunden mit einem grau gelockten Amerikaner in Hawaiihemd, Shorts und Plastikschühchen zu plaudern. Während ich mich noch frage, ob das wirklich sein muss, nickt Linda bereits weg.

In Addis motzt der Ami das Bodenpersonal an, weil er seine Schuhe beim Körperscanner nicht ausziehen will und in der Schlange zum Flieger nach Deutschland steht POLOHEMD plötzlich hinter uns, wiederum ohne einen Mundschutz zu tragen. Linda fordert ihn auf, sich in geschlossenen Räumen korrekt zu verhalten, aber der Yuppie gibt eine arrogante Antwort und tut, was er vermutlich in solchen Situationen immer tut, nämlich gar nichts. So ein Gockel! Weiterlesen „Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei“

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt

Es ist fünf Uhr in der Früh und der Wind pfeift um die Maasai Boma, die mein Zimmer ist. Wir sind wieder am Western Kili angekommen, wo unsere Reise vor zwei Wochen begann. Im schwachen Licht des Neumonds kann ich vom Bett aus schemenhaft den Kilimandscharo sehen, denn die Schneekappe leuchtet mit den Sternen um die Wette. Und ich erinnere mich, wie ich vor mehr als 30 Jahren mit meinem Vater zu Hause vor dem großen Atlas mit den goldenen Seiten sitze und er mir erklärt, dass es in Afrika einen Berg gibt, der so hoch ist, dass es dort schneit. Vielleicht war das der Moment, wo es um mich geschehen war? Die Stunde Null meiner Faszination für Afrika?

„Was erzählst Du Menschen, die sich für Tansania interessieren? Warum Tansania?“, fragt mich der Reporter von ITV Tanzania zum Abschluss eines langen Interviews in Momella im Arusha Nationalpark. Ich muss kurz überlegen, weil ich doch schon so viel in so viele Mikrofone gequasselt habe in den vergangenen 24 Stunden. Weiterlesen „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“

So fangen lustige Geschichten an!

Womit soll ich nur beginnen? Vielleicht hiermit. Es ist rat-tig kalt. Nach einem perfekten Dinner am Lagerfeuer und einem Glas vorzüglichem Chenin Blanc habe ich es mir inzwischen in unserem komfortablen Hauszelt gemütlich gemacht, das ich mit Linda teile. Eine gute Fee hat während des Abendessens eine Wärmflasche ins Bett gelegt, wie nett! “Amerikanische Gäste wollen immer schriftlich bestätigt bekommen, dass die Unterkünfte klimatisiert sind!”, sagt Corina und lacht schelmisch, als sie ergänzt: „Ich schreibe dann gerne zurück, dass ich dafür sorge, dass es, wo nötig, Zentralheizung und Wärmflaschen gibt!” Afrika verbinden wir gedanklich immer mit Hitze, aber hier im Hochland von Serengeti und ganz besonders Ngorongoro wird es um diese Jahreszeit bitterkalt, um jetzt nicht empfindlich kalt zu sagen (meine Gäste aus dem November letzten Jahres können ein Lied davon singen), sobald die Sonne untergeht.

Zurück im Hier und Jetzt weiß ich noch immer nicht, wo ich beginnen soll. Wir waren am Klein’s Gate, einem Zugang im Nordosten der Serengeti, die ersten einfahrenden ausländischen Gäste seit drei Monaten und wir haben in drei Tagen Serengeti nicht ein einziges anderes Fahrzeug mit Touristen getroffen. Einige Einheimische waren unterwegs, Studenten in großen Bussen, Volontäre, Lodgebesitzer auf dem Weg zu ihren Camps, das „Serengeti live Show“-Filmteam treffen wir mehrfach. Aber andere Gäste? Nicht ein Fahrzeug. Nicht ein einziges! Für uns ist es natürlich cool, wir haben alle Raubkatzen-Sichtungen für uns alleine und treffen im Visitor Center und am Picknickplatz nicht eine andere Nase. “Allein, allein….”, trällert Linda. Wie wahr: wir sind allein! Weiterlesen „So fangen lustige Geschichten an!“

Serengeti darf nicht sterben!

„Hi, nice to meet you!“, sagt er, und dann steht er da und lächelt uns an.

Ich schwebe Stunden später noch immer drei Meter über dem Boden, weil Rian Labuschagne, Nachfolger vom legendären Prof. Bernhard Grzimek im Amt des Leiters des Serengeti-Projekts der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft, sich höchst persönlich ausführlich Zeit genommen hat, um mit uns zu sprechen. Das tut die FZS in normalen Zeiten nicht. Dafür haben sie gar keine Zeit. Wenn der Bundespräsident kommt, der wird empfangen. Aber sonst eigentlich niemand.
Es sind aber keine normalen Zeiten. Wir sind die einzigen Gäste weit und breit. Ein paar Einheimische sind in Land Rovern unterwegs, aber ich habe seit Eintritt in die Serengeti kein einziges anderes Fahrzeug mit Touristen gesehen. Auch am Seronera Visitor Center waren wir gestern Mittag zum Picknick mutterseelenallein und sind es heute wieder. Keiner da!
Rian erzählt von seiner Arbeit, vom sich verändernden Tierverhalten und von der schwierigen Aufgabe, jetzt Spenden zu sammeln. Sie brauchen Hilfe, die Serengeti braucht Geld. „Es sind nicht Hunderte Menschen arbeitslos geworden, wie überall zu lesen ist, sondern Tausende!“, betont er. „All die Camps, die jetzt leer stehen, die Lieferketten, die Safari-Guides. Das ist ein großes Problem!“ Weiterlesen „Serengeti darf nicht sterben!“

Go West

Donnerstag, 18.6.

6 Stunden dauert die Fahrt vom Lake Natron bis in die Serengeti üblicherweise. Weil wir wieder tausend-und-einmal zum fotografieren anhalten brauchen wir über 7 Stunden für die Strecke. Armer Wilson!
Also, hier muss man wirklich wissen, wo man lang muss. Mitten in der Pampa, im Nirgendwo, kreuzen sich zwei, ja, wie soll man das nennen? Straßen?? Sagen wir: Pisten! Wilson steigt heute x-mal aus, begutachtet die vor uns liegenden vom vielen Wasser geschaffenen tiefen Furchen in den schlammigen Wegen, nimmt Maß, legt den Donkey-Gang ein und setzt den LandCruiser gekonnt über alle Klippen. Genauso oft erschweren Hindernisse auf vier Beinen unsere Fahrt. Anfangs waren es Esel, Ziegen oder Kühe, die die Straßen blockiert haben, später innerhalb der Serengeti dann Zebras und Gnus.

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Zum Sterben schön

Mittwoch, 17.6.

„Maren!“
„mmhm?“
„Kannst Du mal das Fenster zumachen?“
Es ist 5 Uhr. Morgens! Ich bin schnell wach und breche in brüllendes Gelächter aus. Später am Tag erzählt Corina, dass sie von diesem Moment an dann auch wach war – Nachbarzimmer! Linda meinte es gut mit mir, weil es wie Hechtsuppe ins Zimmer hineinzog und mein Bett dicht am Fenster steht. Warum sie allerdings nicht selber aufgestanden ist, um es zu schließen, sondern es vorzog, mich zu wecken, dafür fehlt es zu dieser frühen Stunde an plausiblen Erklärugsversuchen und der Tag beginnt, wie er später enden wird: Mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Weiterlesen „Zum Sterben schön“

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