Serengeti

Tag 11/12, 3./4.2.2021
Ort: Seronera, Serengeti 
o/n: Thorntree Camp  

>Monikawestphal folgt Dir jetzt<

„Ich wusste gar nicht, dass Du bei Instagram bist!“ 
„War ich auch nicht. Bis eben gerade.“
„Bis eben gerade?“
„Ja. Klar. Habe gerade ein Konto eingerichtet. Glaubste, ich kann das nicht?“ 

Sagen wir es so: Ich traue ihr inzwischen alles zu. Unsere Grande Dame in der Runde ist Mitte Siebzig, erst vor wenigen Monaten am Knie operiert und stemmt hier bislang alle Strapazen, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beklagen. Ein kritischer Blick auf ihr angeschwollenes Knie verrät, dass sie eigentlich sehr wohl Schmerzen haben muss. Natürlich gehen wir hier in unserer so harmonischen Truppe achtsam miteinander um, aber die Tage sind lang und die Wegstrecken ruckelig, da muss man durch, es hilft nichts. Das gilt auch für mich und meinen entzündeten Hals, genauso wie für den armen Stefan und seine von der gleißenden Sonne und vom salzigen Staub Ndutus übelst aufgesprungenen Lippen. Allen Wanderern steckt außerdem die fordernde Hochlandtour in den Knochen, vielleicht mit Ausnahme von Jörg. Der muss irgendwo versteckt Duracel-Batterien verbaut haben, ich sehe bei Gelegenheit mal nach 😉
Monikas abendliche Campfeuer-Geschichten aus ihrem ereignisreichen Leben faszinieren mich. Vor mir sitzt eine waschechte Vorreiterin der Frauen-Emanzipation. „Mein späterer Mann war hartnäckig, wollte mich unbedingt heiraten. Ich hätte damals noch unterschreiben müssen, dass ich ihm gehorche, das war zu der Zeit so üblich. Habe ich abgelehnt und bin erstmal ein Jahr in die USA gegangen, habe mir Arbeit gesucht und das Land angesehen. In den Sechzigern war das. Als ich zurückkam, konnte ich seinem Werben nicht länger widerstehen und habe zugestimmt, aber auf einen Zusatzvertrag bestanden, der regelte, dass ich nicht gehorchen muss!“ 
Kaum zu glauben, dass die Handlung dieser Geschichte nur eine Generation zurückliegt. Aber es läßt mich hoffen, dass schon die nächste Generation sich nicht mehr wird vorstellen können, dass Schwule nicht mit Fußball spielen dürfen. Wouldn’t that be nice? 

Serengeti. Wer kennt die dreiteilige ZDF-Doku, die in zweierlei Perspektiven, nämlich einmal aus Sicht eines Geiers und einmal aus Sicht eines Pavians erzählt? Es ist eine Terra X-Produktion und sie lief zufällig gerade in der Wiederholung auf ZDFneo. Wer’s noch nicht gesehen hat – dringende Empfehlung. Es ist wirklich etwas ganz Besonderes. 

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Ein Gnukalb namens Helmut

Tag 9/10, 1./2.2.2021
Ort: Ndutu
o/n: Acacia Camp 

„Jetzt schlüpft es!“ ruft Mirko aufgeregt und er behält recht. Bei Mirko „schlüpfen“ alle Tiere, ob nun aus dem Ei oder nicht. Und wie sehr er sich das vor Abreise gewünscht hatte, eine Geburt miterleben zu dürfen! „Mission accomplished!“ kann ich da nur sagen. 

Es ist wieder einmal früher Morgen in Afrika und wir juckeln schon seit einer guten Stunde über die Makao-Plains, eine Grasebene der Region Ndutu im Ngorongoro-Schutzgebiet. Hier haben Wilson und Karim die Herden der großen Tierwanderung aufgetrieben und es sind heute Morgen Hunderttausende Tiere, die wir kreuzen, wenn nicht mehr. Egal, wie weit wir fahren, bis zum Horizont und weiter, immer weiter sieht man nichts als schwarze Punkte. Alles Gnus. Vereinzelt mischen sich Zebras und Thomson-Gazellen unters Volk. Weitere Protagonisten des Tages sind Hyänen, Geier und viele Störche. „Ist doch klar, dass die Klapperstörche hier sind, wo alle paar Minuten ein neues Lebewesen das Licht der Welt erblickt“, gibt Philipp zum Besten. Und so ist es. Die meisten Kälbchen fallen in Sekundenschnelle aus der Mama, die dafür kaum das Grasen ruhen lässt. Zum Glück muss ich mir nicht mit ansehen wie ein Raubtier zuschlägt und einen frischen Happen vertilgt! Und auch die Männer um mich herum sind insgeheim froh, dass uns solche Szenen heute erspart bleiben. Natürlich ist es der große Traum vieler Hobby-Fotografen und -Filmemacher, einmal im Leben eine erfolgreiche Jagdszene in freier Wildbahn zwischen Großkatze und Beutetier einfangen zu dürfen. Aber bitte nicht heute, bitte nicht hier in diesem riesigen Kinderzimmer voller staksiger Gnukälber. Und bitte nicht vor meiner Nase. 

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Feuerspucken für Anfänger

Tag 8, 31.1.2021
Ort: Ngorongogokrater – Ndutu
o/n: Rhino Lodge 

„Sieht aus wie Antilopen-Pipi“, bemerkt Mirko und zieht ein Gesicht. Auch, wenn ich auf dem Gebiet keine Expertin bin, kann ich nur zustimmen. Es sieht seltsam undurchsichtig-gelblich-braun aus, was da in meiner Tasse ist. Meine afrikanischen Freunde meinen es gut mit mir und haben einheimische Medizin zubereiten lassen. Ich hatte es schon befürchtet: In dieser erbärmlich kalten Nacht in Nainokanoka zu Beginn unserer Wanderung habe ich mich erkältet. Die Halsschmerzen heute Morgen habe ich in Ermangelung probaterer Mittel versucht, mit Whiskey wegzugurgeln (keine gute Idee) und mich dann mit Aspirin Komplex aus Monikas Zaubertasche über den Tag gerettet. „Damit hast du mich in Botswana mal durchgebracht, seitdem fehlt es nie in meiner Reiseapotheke!“ Puh. Glück gehabt, denn selber bin ich dieses Mal irgendwie schlecht ausgestattet. Das kommt davon, wenn man zu viel Zeit zum Packen hat.

Todesmutig setze ich das Gebräu an den Mund und nehme einen Schluck. „Das ist für Drachen!!“ kommentiere ich entrüstet und kann mir nicht vorstellen, die ganze Tasse auszutrinken. Schmeckt, als habe jemand statt Zucker einen Löffel gemahlenen Pfeffer untergerührt. Ist auch genau das Richtige für meine aufgesprungenen Lippen 🤪

Der Tag begann gegen sechs Uhr standesgemäß mit einem Sonnenaufgang über dem Ngorongorokrater. Um das zu erleben, muss man zehn vor sechs in der Rhino Lodge los oder um sechs ab Serena/Pakulala/Simba II. Dann ist man zu jeder Jahreszeit (Äquator!) pünktlich am richtigen Ort für den best möglichen Ausblick, wenn der Himmel sich verfärbt und die Sonne emporsteigt. Das Tor in den Krater an der Seneto-Descent-Road öffnet um 6:30 Uhr. Und so war das heute: 

Außer einer sechs-Jeep-Kolonne mit russischen Gästen sind erwartungsgemäß wieder nur wenige Menschen unterwegs. Mit WIFI ON BORD wirbt die Agentur dieser bis auf den letzten Platz vollbesetzten Safari-Fahrzeuge, in denen ich vorwiegend schlafende oder daddelnde Leute erspähe. Netflix im Krater? Andererseits, diese völlig verrückten „Tansania-in-drei-Tagen“-Packages können auch viele deutsche Kollegen gut, da wird den ahnungslosen Gästen mit attraktiven Preisen jeder noch so große Müll angedreht. Hätte ich heute Morgen von Arusha aus anreisen müssen, dann würde ich jetzt vermutlich auch einnicken. 

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Ngorongoro Highlands

Tag 5-7, 28.-30.1.2021
Ort: Nainokanoka – Empaakai
o/n: special Campsites

Das Feuer vor meinem Zelt lodert unterm Vollmond und spendet vor allem beißenden Rauch. Ich liege dick eingemümmelt im Schlafsack und friere hier auf 2300 Meter in den Ngorongoro Highlands. Da hilft auch kein Whiskey. “Empfindlich kalt!” denke ich, und muss in Erinnerung an die Reise nach Südtansania vor gut einem Jahr ein bisschen schmunzeln. Hier und heute trifft diese Beschreibung jedenfalls zu. 

Wir gehen ein Teilstück der fünftägigen Hochlandwanderung, die eigentlich vom Lemala-Gate bis Ngare Sero am Lake Natron führt. Für uns geht’s von Nainokanoka zum Warm-up auf den Olmoti und dann in zwei Tagesetappen nach Bulati und zum Empaakai-Krater. Schon morgens in Mto wa Mbu am Lake Manyara waren uns Koch Ben und Fahrer Steven begegnet, als sie ihre Lebensmittel-Einkäufe erledigt hatten und mit dem vollgepackten Begleitfahrzeug vorausgefahren waren, um unser Quartier für die Nacht zu errichten. Da kommt so einiges an Geraffel zusammen: Wir schlafen hier in komfortablen Igluzelten und auf bequemen Schaumstoffmatrazen. Luxus eigentlich, wie auch das leckere Abendessen an Tisch und Stühlen, heute bestehend aus einer wärmenden Gemüsesuppe und einem zweitem Gang aus gebackenen Kartoffeln mit frischem Avocadosalat und Gemüse in Kokossauce. Einfach toll, was Ben hier mitten im nirgendwo auf einem Campingkocher zaubern kann! 

Ändert aber alles nichts daran, dass ich später in meinem Schlafsack mit den Zähnen klappere. Schicht um Schicht ziehe ich Stunde für Stunde über und ich schätze es ist beinahe fünf Uhr morgens, als ich endlich einschlafe. Der verhältnismäßig kurze Spaziergang hoch auf den Kraterrand des Olmoti und hinein bis zum Wasserfall des Munge-Flusses, der in den berühmten Ngorongorokrater mündet, konnte mich heute anscheinend nicht genügend ermüden, um der Kälte zu trotzen. 

Der Duft von Kaffee lockt mich nur zwei Stunden später aus den klammen Federn. Schlafen wird überbewertet! Mühsam entblättere ich wiederum Schicht um Schicht und bin dankbar für die Schüssel mit dampfend heißem Wasser zum Waschen, die ein guter Geist im Gras vor meinem Zelt frisch aufgefüllt hat. Die Sonne scheint zum Glück schon warm vom wolkenlosen Himmel herab und Ben ist bereits fleißig dabei, das Frühstück anzurichten. Es gibt Pfannkuchen mit Marmelade, Rührei, frisches Obst und Cornflakes. Ich schüttele die Kälte der Nacht ab und der starke Kaffee weckt endgültig neue Lebensgeister in mir. 

Ob Philipp sehr unter meinem Hörbuch gelitten habe, frage ich ihn latent schuldbewusst, aber eigentlich in der festen Annahme, dass man im Nachbarzelt unmöglich etwas davon mitbekommen konnte. Zum Einschlafen kann ich keine Kopfhörer an mir haben und stelle den Ton immer auf 1, also die leiseste Stufe. Normalerweise bin ich in zehn Minuten weg. Vergangene Nacht habe ich wieder und wieder 30 Minuten zugefügt und es kam mir unheimlich laut vor in dieser totalen Stille der Wildnis, die jegliche Zivilisationsgeräusche vermissen lässt. „Nicht sehr“, antwortet der viel zu freundliche Schweizer zu meinem Erstaunen und ich schäme mich ein bißchen, dass ich ihn also doch gestört und somit gleichfalls um den Schlaf gebracht habe. „Warum hast Du nicht mit mir geschimpft?“ frage ich zerknirscht. „Ach, wenn es zu schlimm gewesen wäre, dann hätte ich Dich gebeten, das letzte Kapitel nochmal zu wiederholen, damit ich wenigstens weiß, worum es geht. Ich konnte so oder so nicht schlafen. Also mach Dir keinen Kopf.“ Er lächelt mich an. Wie kann man in dieser Situation lächeln? Ich bin sicher, wäre ich an seiner Stelle, ich hätte nicht wenig Lust verspürt, die Nervensäge nebenan zu erschlagen… 

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Daladala in Hannover

Tag 4, 27.1.2021
Ort: Manyara
o/n: Rift Valley Lodge

Auf geht’s. Die Safarifahrzeuge sind vollgetankt, unser Gepäck verstaut, und vor uns liegen neun Tage voller Abenteuer in der Wildnis. Als wir uns von unseren Gastgebern im Blues&Chutney verabschieden ist mir etwas mulmig zumute. Wann kann ich zurückkehren zu diesem Ort, der mir wie kein anderer ein zweites Zuhause ist? Und, wird es noch dasselbe sein? „Ich weiß nicht, ob ich dich wiedersehe, Maren“, sagt Whitness leise zum Abschied. Bisher sind wir als Reiseveranstalter und Agentur alle gemeinsam irgendwie zurecht gekommen, aber ein weiteres Jahr ohne eine Mindestanzahl an Gästen kann auch Kilaweni nicht ohne Freistellungen überstehen. „Ich muss mir zumindest vorübergehend irgendeine andere Arbeit suchen, ich muss Geld verdienen.“ Ich weiß. Es ist zum verzweifeln. Wegen Corona kann ich unsere treue Fee, die über die Jahre so viele Gäste mit ihrer Kochkunst und ihrer Freundlichkeit zum Start einer jeden Safari verzaubert hat, zum Abschied nicht einmal in den Arm nehmen, und es zerreißt mich beinahe innerlich. Mach’s gut, liebe Whiti! Mögen wir in einem Jahr über unsere Sorgen von heute lachen, zurück an die Arbeit gehen und unsere Plätze als Rädchen in den Reisen unserer Gäste wieder einnehmen.

Auch Karim, ein großer Schatz und diesmal mein Safariguide, braucht keine zwei Kilometer, bis er mich zum ersten Mal fragt, wie es weitergeht. In einer gemeinsamen Kraftanstrengung vieler guter Menschen hatten wir die drückende Sorge vor der von allen Mitarbeitern hier mit Schrecken erwarteten Januar-Rechnung über die Schulgebühren genommen, indem wir bezahlt haben, was sie einfach nicht selber bezahlen konnten. Dass das nicht für immer so weitergehen kann, ist dabei jedem klar. Ich muss meinen Kopf frei kriegen und die schweren Gedanken hinter mir lassen, wenn ich auf dieser Safari Ruhe und Frieden finden will, und ich beschließe, das Thema mit einem Scherz zu beenden: „Siehst du das Daladala da vorne, Karim?“ So nennt man die kleinen Sammelbusse hier, die auf festen Linien den öffentlichen Personennahverkehr abdecken. Er nickt. „Wir verkaufen nicht nur Reisen nach Tansania, wir betreiben auch Daladalas in Hannover. Die sehen nur ein bißchen anders aus, aber der Sinn ist derselbe. Wir sind breit aufgestellt. WIR überstehen das, wir kommen da durch und dann, wenn es wieder losgeht, dann wirst Du Dich nicht retten können vor Aufträgen von uns!“

Er lächelt mich warm an und gibt Gas. Und ich wünschte, ich könnte die Zuversicht, die ich mit fester Stimme gespendet habe, auch selber teilen.

„Wie heißt Deine Tochter? Shazam? Wie die App?“ Karim grinst. „Ja, jetzt acht Monate alt. Sie ist sehr süß.“ Weiterlesen „Daladala in Hannover“

Karibu sana Tanzania!

Tag 2+3, 25.+26.1.2021
Ort: Usa River, Arsuha
o/n: Blues&Chutney Country B&B

Klong! Ich habe mich an einer Mango gestoßen! Ganz schön hart, die Dinger, wenn sie noch im Baum und mitten im Weg hängen 😉

Bei herrlichem Sonnenschein und jetzt am Morgen noch moderaten Temperaturen gehen wir mit Leonard wandern. „Mensch, Dich habe ich in den letzten sechs Monaten beinahe häufiger gesehen, als manchen Kollegen in Deutschland“, sage ich zur Begrüßung und wir müssen beide schmunzeln. Schon im Juni und im August war ich mit ihm auf Tour gegangen, denn ich schätze seine ausgeprägten Kenntnisse über all das, was hier rund ums Jahr blüht, wächst und gedeiht. Früher einmal war er am Kilimandscharo aktiv. Erst als Träger, später als Guide. Er war mehr als 100 Mal auf dem Gipfel, kennt alle Routen. Inzwischen ist er zu alt für die Strapazen, meint er, und hat sich als lokaler Wanderführer für Touren durch die Dörfer an den Ausläufern des Mount Meru selbständig gemacht.

Das dörfliche Leben zu erkunden ist für mich immer wieder auf’s Neue ein Highlight zu Beginn einer Reise in exotische Gefilde, und das geht nun einmal am allerbesten zu Fuß. Wie gewohnt sind wir die Attraktion schlechthin auf jeder Dorfstraße, denn es gibt zurzeit kaum Touristen und die wenigen, die kommen, wandern in aller Regel nicht. Es ist wirklich die Frage, wer hier eigentlich neugieriger guckt, die Dörfler oder wir. Wenn unsere Blicke sich aus Versehen begegnen, endet es meist in einem verlegenen Grinsen auf beiden Seiten. Erwischt! Es ist dieses Wechselspiel auf Augenhöhe, was es so durch und durch sympathisch macht. Weiterlesen „Karibu sana Tanzania!“

Es ist wie es ist.

Vorbemerkung
23.1.2021, Hameln

Die Covid-Pandemie hält die Welt in Atem. Ich fliege trotzdem nach Tansania. Und ich habe viele gute Gründe. Doch je näher der Tag der Abreise rückt, umso krimineller komme ich mir vor. Was für eine irre Situation! In Deutschland bin ich als Reisende der personifizierte Egoismus, in Tansania die personifizierte Hoffnung. Traumhaft.

„Flieg unterm Radar, nicht bloggen, kein Instagram, gar nix!“ riet mir mein weiser Kumpel Andreas. Es ist ein guter Rat, und ich werde ihn beherzigen. Es ist alles schwierig genug. Ich kann mich nicht vor dem täglichen Early Morning Wake up-Call noch mit möglichen Social Media-Shitstorms beschäftigen. Ich mach’ das anders. Ich schreibe meine Berichte wie immer, aber ich veröffentliche sie nicht gleich. Sondern erst dann, wenn wir alle wieder zu Hause sind. Tag für Tag, quasi re-live.

Ob das feige oder vernünftig, richtig oder falsch ist, das sollen andere beurteilen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur…..

Es ist wie es ist.
Tag 1, 24.1.2021

“Bist Du verrückt? Die wollen doch diesen Pflichttest vor Rückreise aus non-Schengen einführen! Wenn Dein Test positiv ist, dann kannst du nicht nach Hause!” hat sie gesagt.

Gleich geht es also los. Ich fliege nochmal nach Tansania. Jetzt lassen wir mal alle Gefühle außen vor und schauen auf die Tatsachen: Es ist doch ein theoretisches Problem! Wir Reiseanbieter haben eine Reihe von Maßnahmen für den sicheren Safaritourismus in Tansania ergriffen, die ich noch immer für richtig halte und zu denen ich gegenüber Kunden stehe. Ich war mir im Juni sicher, dass ich mich in Tansania nicht mit Covid infizieren kann, und ich bin geflogen. Ich war mir im August sicher, dass ich mich in Tansania nicht mit Covid infizieren kann, und ich bin geflogen. Und ich bin mir jetzt sicher.

Was genau ändert also diese Testpflicht, wenn sie denn kommt?

Jetzt einen Rückzieher von der Reise zu machen wäre wie ein Eingeständnis, die letzte Verantwortung, nämlich die am eigenen Leibe, zu scheuen. Und das kommt natürlich nicht infrage. Weiterlesen „Es ist wie es ist.“

Blue Swan 2020

Letzter Abend
“Here’s to you, das ist der BLUE SWAN 2020!” Ich reiche die Gläser aus unserer kleinen Kombüse an Deck. “Das ist Austrinken mit Stil!” Meine Bestandsaufnahme für den Abend ergibt Reste von Aperol und Gin, ziemlich viel Tonic und Fruchtsaft, Prosecco und literweise Milch. Gut, letztere kann ich nicht dazu kippen, aber aus den anderen Zutaten kreiere ich einen Cocktail, den ich nach unserem Boot benenne: Fruchtsaft, 2 cl Gin, ein Schuss Prosecco, ein Schuss Aperol, auffüllen mit Tonic und abrunden mit einem Spritzer frischen Safts einer selbst gepflückten Limette. Schmeckt!

Den ganzen Tag haben sich Schauer und dichte Wolken abgewechselt aber meine treue Wetter-App, die mir schon auf so vielen Gruppenreisen verlässlich gute Dienste geleistet hat, sagt einen sonnigen Abend voraus. Der Rest der Crew ist skeptisch. “Wartet es ab!”, sage ich. „Um 18 Uhr scheint die Sonne!“ In der Hoffnung darauf, dass ich richtig liege, steuern wir eine Bucht mit Aussicht nach Westen an und irgendwann nach 17 Uhr reißt der Himmel tatsächlich auf. Im strahlenden, warmen Sonnenschein tanzen wir ausgelassen an Deck, froh über dieses Geschenk eines unvergesslichen letzten Abends.

“Hab ich doch gesagt!”, klugscheiße ich rum. “Es scheint, als wollte die Sonne dir nicht widersprechen!”, sagt Peter und grinst mich an. Ich grinse zurück: “Genau. Das traut die sich nicht!” Weiterlesen „Blue Swan 2020“

Deko

Dienstag. „Und welche Aufgabe soll ich übernehmen“?, fragt David, als Linda und ich mit der Kamera und dem SUP-Bord ins Wasser gehen, um unser schönes Schiff vom Meer aus zu fotografieren. „Du bist die Deko!“, gibt Linda zurück und grinst.
Wir liegen in einem kleinen Hafen vor Anker und die Sonne ist zurück. Zu zweit auf dem Bord zu stehen ist eine ziemlich wackelige Angelegenheit aber wir kommen klar und machen unsere Bilder mit David an der Reling. Der hat echt den passenden Namen!

Einen Tag zuvor, Montag
„Und ich Blödmanns-Gehilfe habe die SD-Karte für die GoPro zu Hause vergessen!“, ärgert sich David. Das hätte sicher gute Aufnahmen am Mast gegeben! Der angekündigte Wetterumschwung bringt uns bei 5 Windstärken mit mehr als 8 Knoten nach Paxos. Wir brausen in ziemlicher Schräglage, aber bei Sonnenschein, über die Wellen und segeln sportlich am Wind. Anfangs finde ich das noch richtig witzig. Als die Wellentäler immer tiefer werden wird es dem armen Laines aber zu viel und er ruft tapfer nach einer Tüte. DAS wiederum gibt auch mir den Rest. Soeben gelingt es mir noch zu beherzigen, dass man nie gegen den Wind spucken soll. Also springe ich hinüber nach Steuerbord, das regelmäßig unter die Wasserlinie fällt und lasse mich von Andreas am Schlafittchen festhalten, während ich mein Frühstück verabschiede. „Das ist Full-Service-Kotzen!“, ruft er mir aufmunternd zu. Beam me up, Scotty! Ich gehöre eindeutig ins Team der Schönwettersegler. Hätte ich mir ja irgendwie denken können. Ich kann ja nicht einmal im Musikexpress fahren und bei meinen bisherigen Segeltörns hatte ich irgendwie immer Glück mit dem Wetter. Weiterlesen „Deko“

Hellas

“Dann guck Dir halt das Elend an!”, sagt der beinahe neunjährige Laines, schiebt die Blende hoch, schaut mich bedauernd an und zuckt mit den Schultern.

Condorflug DE 1612 ist startklar und – wie immer – verfluche ich innerlich den Tag, an dem ich gebucht habe. Meine Flugangst (starten!) ist etwas lästig und übrigens auch wenig kompatibel mit meinem Job. Aber dies ist Urlaub – Segeln im Ionischen Meer rund um Korfu mit guten Freunden. Herrlich!
Ich bedanke mich trocken für den Zuspruch und erkläre dem aufgeweckten Burschen, dass die Sonnenblenden bei Start und Landung immer hochgeschoben sein müssen. „Warum?“, kommt die unweigerlich folgende Frage aller Neunjährigen dieser Galaxie wie aus der Pistole geschossen, und jetzt bin ich es, die mit den Schultern zuckt. „Keine Ahnung, Laini, aber warte ab, gleich kommt die Durchsage dazu. Das sagen sie immer!“

Uuuuund Schub.

Zwei Tage später
Als ich die Augen öffne, blicke ich durch die Dachluke meiner Koje auf ein Sternbild, das aussieht wie ein Drachen. Es ist das erste was ich heute sehe und es ist wunderschön. Ganz sanft schaukelt das Boot in der Bucht einer unbewohnten vorgelagerten Insel an der Südspitze von Korfu, wo wir gestern spätnachmittags festgemacht haben. Würden die Sterne nicht so hell erstrahlen, dann wäre es stockfinster. Es ist so friedlich und klar, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass heute noch dieser enorme Sturm aufzieht, der seit Tagen angesagt ist und uns ein wenig Sorgen macht. Bei 7-8 Windstärken und Gewitter müssen wir auf jeden Fall für die Nacht einen Hafen aufsuchen. Aber so konnte es ja auch nicht weitergehen! Weiterlesen „Hellas“

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