Daladala in Hannover

Tag 4, 27.1.2021
Ort: Manyara
o/n: Rift Valley Lodge

Auf geht’s. Die Safarifahrzeuge sind vollgetankt, unser Gepäck verstaut, und vor uns liegen neun Tage voller Abenteuer in der Wildnis. Als wir uns von unseren Gastgebern im Blues&Chutney verabschieden ist mir etwas mulmig zumute. Wann kann ich zurückkehren zu diesem Ort, der mir wie kein anderer ein zweites Zuhause ist? Und, wird es noch dasselbe sein? „Ich weiß nicht, ob ich dich wiedersehe, Maren“, sagt Whitness leise zum Abschied. Bisher sind wir als Reiseveranstalter und Agentur alle gemeinsam irgendwie zurecht gekommen, aber ein weiteres Jahr ohne eine Mindestanzahl an Gästen kann auch Kilaweni nicht ohne Freistellungen überstehen. „Ich muss mir zumindest vorübergehend irgendeine andere Arbeit suchen, ich muss Geld verdienen.“ Ich weiß. Es ist zum verzweifeln. Wegen Corona kann ich unsere treue Fee, die über die Jahre so viele Gäste mit ihrer Kochkunst und ihrer Freundlichkeit zum Start einer jeden Safari verzaubert hat, zum Abschied nicht einmal in den Arm nehmen, und es zerreißt mich beinahe innerlich. Mach’s gut, liebe Whiti! Mögen wir in einem Jahr über unsere Sorgen von heute lachen, zurück an die Arbeit gehen und unsere Plätze als Rädchen in den Reisen unserer Gäste wieder einnehmen.

Auch Karim, ein großer Schatz und diesmal mein Safariguide, braucht keine zwei Kilometer, bis er mich zum ersten Mal fragt, wie es weitergeht. In einer gemeinsamen Kraftanstrengung vieler guter Menschen hatten wir die drückende Sorge vor der von allen Mitarbeitern hier mit Schrecken erwarteten Januar-Rechnung über die Schulgebühren genommen, indem wir bezahlt haben, was sie einfach nicht selber bezahlen konnten. Dass das nicht für immer so weitergehen kann, ist dabei jedem klar. Ich muss meinen Kopf frei kriegen und die schweren Gedanken hinter mir lassen, wenn ich auf dieser Safari Ruhe und Frieden finden will, und ich beschließe, das Thema mit einem Scherz zu beenden: „Siehst du das Daladala da vorne, Karim?“ So nennt man die kleinen Sammelbusse hier, die auf festen Linien den öffentlichen Personennahverkehr abdecken. Er nickt. „Wir verkaufen nicht nur Reisen nach Tansania, wir betreiben auch Daladalas in Hannover. Die sehen nur ein bißchen anders aus, aber der Sinn ist derselbe. Wir sind breit aufgestellt. WIR überstehen das, wir kommen da durch und dann, wenn es wieder losgeht, dann wirst Du Dich nicht retten können vor Aufträgen von uns!“

Er lächelt mich warm an und gibt Gas. Und ich wünschte, ich könnte die Zuversicht, die ich mit fester Stimme gespendet habe, auch selber teilen.

„Wie heißt Deine Tochter? Shazam? Wie die App?“ Karim grinst. „Ja, jetzt acht Monate alt. Sie ist sehr süß.“ Glaube ich ihm aufs Wort. Um seine Gesundheit sorgt er sich nicht, auch nicht um die seiner Familie. „Ich war in letzter Zeit auf zahlreichen Wahlveranstaltungen, da waren zwangsläufig viele Menschen. Das hier ist Afrika, Maren, Abstand halten bei Großveranstaltungen, das ist schwierig“, erzählt er. „Aber mein PCR-Test vorgestern ist wieder negativ, genauso wie der von Wilson und Ben, genauso wie der vor der letzten Safari. Immer negativ.“ Agenturchefin Corina und ich, wir wissen, dass es zumindest vereinzelt auch anders gelagerte Fälle gibt. Wie könnte es auch anders sein? Tansania liegt nicht auf dem Mond. Natürlich ist es problematisch, dass die hiesige Regierung Covid stumpf ignoriert. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass es hier gefährlicher wäre als bei uns zu Hause im Laden an der Kasse. Jedenfalls gewiss dann nicht, wenn man mit verlässlichen Agenturen reist, die die TATO (=Tanzanian Association of Tour Operators)-Regeln für sicheren Tourismus umsetzen. Und unsere Guides sind gut informiert, wissen Dank Internet und Presse sehr genau, was in anderen Ländern passiert. Sie brauchen keine Nachhilfestunden aus Deutschland, um eigene Entscheidungen zu treffen.

Die Fahrt durch Arusha fühlt sich herrlich normal an. Dasselbe Gewusel wie immer. Mopeds von links, LKWs von rechts und dazwischen mit Ananas oder Bananen vollgepackte Handwagen. Ein einziges Chaos! Wahlplakate mit dem Konterfei des Staatspräsidenten Magufuli zieren noch immer alle Straßen. Ich sehe kein einziges von der Opposition. Die Überlandbusse, LKWs und Tuktuks sind farbenfroh und liebevoll bemalt. Viele zieren Sprüche, manche christlich, manche muslimisch. „In God we trust“ oder „Inshallah!“ Aber irgendein Gott muss meistens herhalten die Reise zu beschützen, was sich angesichts der zu allermeist übelst abgefahrenen Reifen wohl durchaus empfiehlt… mein Liebling für heute ist ein dreiräderiges Tuktuk. Für Farbe hat das Geld anscheinend nicht gereicht und so musste es Kreide tun. Quer über das Heck steht in großen Lettern schlicht: WELCOME ALL. Herzerwärmend. Asante sana, vielen Dank. Ich bin sehr glücklich, hier zu sein.

Der Manyara-See ist nach den heftigen Regenfällen, die nun schon zwölf Monate zurückliegen, noch immer dreimal so groß wie früher und nimmt einen großen Teil der Fläche des gleichnamigen Nationalparks ein. Bei der Einfahrt lasse ich mich heute nach Strich und Faden von einem Affen veräppeln, DAS ist mir auch schon lange nicht mehr passiert. Während Wilson und Karim die aufwändigen Einfahrtsformalitäten für den Park erledigen (US-Immigration ist ein Kinderspiel dagegen) will ich Bananenschalen entsorgen gehen. Im nahen Städtchen Mto wa Mbu wachsen diese einmalig leckeren roten Bananen, die für ein paar Schilling am Straßenrand verkauft werden. Das hat sich wohl auch bis zu den Affen am Parkeingang herumgesprochen. Jedenfalls habe ich kaum meine Autotür geöffnet und einen Fuß an die Erde gesetzt, als wie aus dem Nichts eine Diadem-Meerkatze herangeschossen kommt, auf den Beifahrersitz springt, Richtung Mittelkonsole grapscht und sich mit den restlichen Früchten an der Staude aus dem Staub macht. Das Ganze geht so schnell, dass Stefan nicht einmal ein Foto machen kann, obwohl er die Kamera in der Hand hält.

Jetzt sitzt sie da in sicherer Entfernung unterm Baum und schmatzt. Da habe ich mich glatt vor einem Affen zum Affen gemacht! Nicht zu fassen.

Nach vierzig Minuten sind alle Diskussionen mit den Schalterbeamten am Gate zu deren Zufriedenheit zu Ende geführt und wir können starten. Man wollte erst ganz sicher gehen, dass wir auch wirklich bezahlt hatten. Double Check mit der Bank, per Telefon! Das ist zwar genauso unnötig wie sinnfrei, aber über solche Kleinigkeiten darf man sich in Tansania nicht aufregen. Das ist doch beinahe so schön, wie einst die geniale Idee des Reservierungschefs eines ziemlich abgerockten Hotels in Dar Es Salaam, in dem ich vor Jahren mal abgestiegen bin: Monate später war ich plötzlich Mitglied einer Whats App-Gruppe (so, wie vermutlich alle anderen jemals in diesem Hotel gebuchten Gäste) und wurde eingeladen, doch den Service im Allgemeinen und den der Rezeption im Besonderen mal gemeinsam zu diskutieren und zu bewerten. Noch Wochen später bekam ich täglich Anrufe aus dem Kongo…

„Verrückt, dass noch immer alles überschwemmt ist! Der ganze Hippo-Circuit steht ja unter Wasser“, meint Stefan voller Erstaunen nach den ersten Kilometern auf Pirsch. Die Topographie des Parks hat sich verändert. Wo früher am ausgedehnten Ufer samt Überschwemmungsgebiet Herden von Zebras und Gnus grasten, Giraffen vorbeizogen und Flusspferde badeten, ist aktuell nichts vom Seeufer mehr zu sehen. Stattdessen steht das Wasser bis an den Waldrand und teilweise darüber hinaus. Wir müssen weit in den Park hineinfahren, um noch so etwas wie den ursprünglichen Uferbewuchs zu finden. Was aber unverändert ist, das ist die Elefanten-Action, die man hier immer erwarten darf. Manyara ist und bleibt bekannt für bewegende, ganz nahe Begegnungen mit den grauen Riesen und gestattet wie immer ein sanftes erstes Eintauchen in die Welt der wilden Tiere, bevor die Safari jenseits des Lodoare-Tors zum Ngorongoro und abseits aller Zivilisation in den nächsten Tagen richtig Fahrt aufnimmt.

Philipp und Stefan haben gegenüber August nochmal technisch aufgerüstet und zusätzlich zu ihren Vollformat-Kameras eine 360-Grad-Videokamera und eine GoPro angeschafft. Sehr zu meiner Freude, übrigens, denn damit stehe ich im Team „Film“ nicht mehr alleine da. Material aus verschiedenen Perspektiven zu erhalten ist cool, ich weiß aber jetzt schon, dass ich Zeter und Mordio schreien werde, wenn ich später alles sichten, sortieren und schneiden muss. Es sieht übrigens echt witzig aus, wenn Philipp seine „three-sixty“ an einer drei Meter langen Stange während der Fahrt zum Dach heraus hält. „Philipp ist wieder angeln!“ soll zum geflügelten Wort auf dieser Reise werden und wirklich, wirklich witzig wird es, als Wilson auf dem Weg zur Lodge auf eine Akazie klettern muss, um das teure Gerät im Geäst wieder einzusammeln, was Philipp sich vom Baum hatte abluchsen lassen.

Zum Sonnenuntergang genießen wir ein erfrischendes Bad im vielleicht schönsten Infinity-Pool im Rift Valley auf gleichnamiger Lodge, lehnen bei G&T lässig überm Beckenrand und genießen die Aussicht über den Lake Manyara. In der Ferne stapft ein Flusspferd aus dem Wasser, gleich vorne mischen sich Gazellen und Maasai-Ziegen am Ufer. Ich gehe mit Mirko in Gedanken nochmal unsere Optionen für den Fall durch, dass die wirklich den internationalen Flugverkehr nach Deutschland einstellen. Bisher hört man zwar nichts Neues von der Seehofer-Front, aber für meine Branche gibt es rein gar nichts mehr, von dem ich mir nicht vorstellen kann, dass es passiert. Die letzten zwölf Monate haben mich wieder und wieder eines Besseren belehrt. „Eins sag ich Dir“, Mirko guckt mich ernst an und spricht „Wenn wir wirklich einen Learjet chartern müssen, die Dinger sind sowas von teuer, dann sauf’ ich die ganze Bar leer. Ehrlich. Dann trink’ ich das alles aus, alles, was die geladen haben, auch, wenn ich die harten Sachen eigentlich nicht mag!“ Ich verschlucke mich um ein Haar an meinem eigenen Drink und gluckere halb unter. Die Sache ist: Der meint das genau so, wie er es gesagt hat.

Was für ein Tag. Diese rotzfreche Meerkatze in Manyara geistert noch immer durch meine Gedanken. Was ich morgen früh unbedingt noch kaufen muss, das ist Futter für jemand anderen, und diesmal auch ganz freiwillig: Ein Esel begleitet uns auf der dreitägigen Hochlandwanderung, und ich brauche natürlich Möhrchen!

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…Sonntag geht’s weiter: NGORONGORO HIGHLANDS

„Das Feuer vor meinem Zelt lodert unterm Vollmond und spendet vor allem beißenden Rauch. Ich liege dick eingemümmelt im Schlafsack und friere hier auf 2300 Meter in den Ngorongoro Highlands. Da hilft auch kein Whiskey. “Empfindlich kalt!” denke ich, und muss in Erinnerung an die schweißtreibende Reise nach Südtansania vor gut einem Jahr ein bißchen schmunzeln. Hier und heute trifft diese Beschreibung jedenfalls zu…..“ 

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