Tag 9/10, 1./2.2.2021
Ort: Ndutu
o/n: Acacia Camp
„Jetzt schlüpft es!“ ruft Mirko aufgeregt und er behält recht. Bei Mirko „schlüpfen“ alle Tiere, ob nun aus dem Ei oder nicht. Und wie sehr er sich das vor Abreise gewünscht hatte, eine Geburt miterleben zu dürfen! „Mission accomplished!“ kann ich da nur sagen.
Es ist wieder einmal früher Morgen in Afrika und wir juckeln schon seit einer guten Stunde über die Makao-Plains, eine Grasebene der Region Ndutu im Ngorongoro-Schutzgebiet. Hier haben Wilson und Karim die Herden der großen Tierwanderung aufgetrieben und es sind heute Morgen Hunderttausende Tiere, die wir kreuzen, wenn nicht mehr. Egal, wie weit wir fahren, bis zum Horizont und weiter, immer weiter sieht man nichts als schwarze Punkte. Alles Gnus. Vereinzelt mischen sich Zebras und Thomson-Gazellen unters Volk. Weitere Protagonisten des Tages sind Hyänen, Geier und viele Störche. „Ist doch klar, dass die Klapperstörche hier sind, wo alle paar Minuten ein neues Lebewesen das Licht der Welt erblickt“, gibt Philipp zum Besten. Und so ist es. Die meisten Kälbchen fallen in Sekundenschnelle aus der Mama, die dafür kaum das Grasen ruhen lässt. Zum Glück muss ich mir nicht mit ansehen wie ein Raubtier zuschlägt und einen frischen Happen vertilgt! Und auch die Männer um mich herum sind insgeheim froh, dass uns solche Szenen heute erspart bleiben. Natürlich ist es der große Traum vieler Hobby-Fotografen und -Filmemacher, einmal im Leben eine erfolgreiche Jagdszene in freier Wildbahn zwischen Großkatze und Beutetier einfangen zu dürfen. Aber bitte nicht heute, bitte nicht hier in diesem riesigen Kinderzimmer voller staksiger Gnukälber. Und bitte nicht vor meiner Nase.
Mit respektvollem Abstand in Tele-Entfernung verfolgen wir seit bestimmt schon 20 Minuten eine Gnudame, die sich mit der Geburt schwerer tut. Kleine Beinchen schauen schon heraus, aber der Rest will einfach nicht folgen. Sie legt sich hin und steht wieder auf, wandert weiter – nicht, ohne dabei ab und zu an Grashalmen zu zupfen – und legt sich wieder hin. Als wir schon befürchten, dass das Kleine unmöglich noch leben kann, kommt Bewegung in die Sache und siehe da – da flutscht es endlich heraus. Zur Geburt dreht sie sich schnell und lange um ihre eigene Achse, nutzt den Schwung als Unterstützung für’s finale Pressen und begrüßt den Sprössling zunächst stürmisch, dann ganz sachte mit einem Küsschen. Stille im Safari-Fahrzeug. Es ist ein berührender, ganz besonderer und auf eine sonderbare Weise sehr persönlicher Moment. Weitere, bisher völlig unbeteiligt scheinende Tiere kommen zum Gruß vorbei, als wollten sie ihre Ehre erweisen. Dann ermuntert Frau Mama das Kleine, noch bevor sie es trinken lässt, zu ersten wackligen Schritten und erhöht später das Tempo. Erst, als sie zufrieden ist, darf Junior an die Milchbar und beide gehen ihrer Wege.
„Ich taufe Dich auf den Namen Helmut“, sage ich feierlich und Mirko ergänzt „Und wir sind die Paten!“. Möge Dir ein langes, glückliches Leben beschieden sein, kleines Gnu. Wir alle wünschen es Dir von ganzem Herzen. Denn das Leben in Freiheit hat einen hohen Preis. Tödliche Gefahren lauern überall: Riesige Krokodile im Mara-Fluss, geduldige Löwen am jenseitigen Ufer, pfeilschnelle Geparde zu jeder Dämmerung…. was seid Ihr doch für mutige, tapfere Geschöpfe!
Im Januar und Februar gibt es nichts Besseres zur Tierbeobachtung als dieses NDUTU, diese Region aus Staub und Sodaseen, die nur nach der kleinen Regenzeit grün und einladend wird. Wenn die Herden ab Ende März endgültig Richtung Zentralserengeti weitergezogen sind beginnt eine harte Zeit für die ortsgebunden Raubkatzen, die sich für den Rest des Jahres mit den wenigen genügsamen Antilopen und Giraffen als Beutetiere begnügen müssen, die ebenfalls hier zu Hause sind.

Weil die Region kein Nationalpark, sondern nur ein Schutzgebiet ist (wir sind noch immer in Ngorongoro), ist Off-road-Fahren erlaubt. Nirgendwo anders kommt man so nahe an Raubtiere heran und nirgends kann man Jagdszenen besser verfolgen. Sollten die Guides ein Mindestmaß an Respekt gegenüber den Tieren vermissen lassen, greifen die Ranger aber ein und verweisen die Autos auf die Pisten.
Ich liebe diese Gegend um diese Jahreszeit und arrangiere mich gerne mit dem Staub, der das Licht in einzigartiger Weise bricht und in den Morgen- und Abendstunden in Pastelltönen flimmern lässt. Die nun grünen Akazienwälder korrespondieren wunderbar mit den tiefblauen Seen und der goldbraunen Savanne an den weit ausladenden Ufern. Zebras planschen im See, eine Herde junger Giraffenbullen kommt abends zum Trinken, Löwen flüchten vor Ungeziefer auf den Baum und die Geparde am Hang spekulieren noch immer auf guten Wind und fette Beute.
Jene Beute hat in der Nacht eine Löwenfamilie gemacht. Das tote Gnu dampft noch, als wir die Szene mit unseren Jeeps erreichen und etliche Löwen zieren verräterisch blutrote Mäuler. Der erste Hunger ist also schon gestillt, wir platzen quasi mitten ins Kaffeekränzchen nach dem großen Fressen. Zwei Halbstarke toben durchs Gras und spielen Fangen. Drei ausgewachsene Weibchen chillen in der Morgensonne. Ein winziges, wenige Wochen altes Löwenbaby wird von seiner Mutter zurechtgewiesen und im Gebüsch versteckt, zeigt sich aber so gar nicht einsichtig, kommt zu unserer Freude nochmal angetapst und beäugt neugierig aber skeptisch unsere Fahrzeuge. Natürlich teilt Karim eine solch besondere Sichtung mit anderen Guides über Funk. Als in Windeseile zu viele Land Cruiser anrollen wird es der Rudel-Chefin zu bunt, und sie zerrt in einem bemerkenswerten Kraftakt das halb aufgefressene Gnu tief in die Büsche hinein. Schluss mit Voyeurismus, die Show ist beendet! Doch, Moment, noch nicht ganz: Bevor sie sich zum Dösen niederlässt, beseitigt sie die Geruchsspuren dort, wo eben noch der Kadaver lag, indem sie Gras und Erde mit den Tatzen verwischt. Sicher hat sie wenig Lust, die Beute mit Hyänen und weiteren ungebetenen Gästen zu teilen. Zwei Halbstarke und nur ein einziges ganz Kleines – das heißt eben auch, dass dieses Rudel jüngst ganz offensichtlich viele Verluste zu beklagen hatte…
Vielen Dank an dieser Stelle an meine lieben Reisegefährten Stefan Langhans und Philipp Renggli für ihre wunderbaren Fotos!
Wir reißen uns los, wollen gerade zurück in Richtung Camp, um nach unseren Lieblingsgeparden zu schauen, als Karim leider, leider schon wieder in die Eisen gehen muss: Zwei Brüder, gewiss die Väter der Löwenkinder, liegen unweit des Rudels entspannt aber doch wachsamen Auges im Sand und genießen die wärmenden Strahlen der aufgehenden Sonne. Das erste Licht des Tages lässt ihre muskulösen und makellosen Leiber in allen Farbstufen von orange bis pink schimmern, und das steht ihnen gut. Es sind zwei äusserst stattliche Kerle mit gewaltigen Mähnen und bildschönen, ausdrucksstarken Gesichtern. Sie scheinen sich ihrer Unantastbarkeit vollkommen bewusst zu sein, wie sie die Lage im Blick und unter Kontrolle haben und von Zeit zu Zeit huldvoll in die Kamera schauen – würdevoll, königlich eben.
Man sieht wirklich immer Löwen in Tansania. Aber nicht immer so.
Ob es diesmal nun die live-Studie im Sozialverhalten von Raubkatzen, das winzige Baby oder die badenden Zebras, die graziösen Geparde, die 18-köpfige Giraffenherde beim Durststillen, die Majestäten mit ihren langen Mähnen oder der kleine Helmut war – was ich am allerschönsten fand, das kann ich gar nicht sagen. Ndutu ist immer besonders und man darf es im Januar und Februar niemals auslassen. Zwei Nächte hier in einem der liebevoll temporär errichteten Zeltcamps sind absolutes Pflichtprogramm!
weiter geht es am Freitag aus der Serengeti:
„Es gibt keinen besseren Ort in Tansania um Leoparden zu beobachten als Seronera. Als wir aus Ndutu eintreffen, vernimmt Karim über Funk, dass sich eine Leopardin mit zwei Jungen an den Rocks aufhalten soll. Ich bin noch immer ziemlich angeschlagen, mag keine Leos mehr suchen, sondern muss mich dringend ein wenig ausruhen, und so teilen wir uns auf. Mirko und Monika möchten auch mit ins Camp, Philipp steigt um zu Wilson. DA war noch alles gut.…“
































