Tag 16/17, 8./9.2.2021
Ort: Stone Town
o/n: Tembo Hotel
Die müssen verrückt sein! Die ziehen das SAUTI za BUZARA durch, Afrikas größtes Musikfestival mit Bands vom ganzen Kontinent, eigentlich ein fantastisches Spektakel voller gut gelaunter Menschen und fremdartiger Rhythmen, das zu erleben mir schon zweimal vergönnt war. Der Aufbau ist schon beinahe abgeschlossen, in zwei Tagen geht’s los. Zu meinem grenzenlosen Erstaunen soll die EU Hauptsponsor sein. Ob das wohl stimmt?
„Maren, aber die Flugzeuge kommen seit August!“, entgegnet Stadtführer Saloum mit ernstem Gesichtsausdruck, als ich ihn vorsichtig vor zu viel Nähe zu Touristen warne. Zur Einreise nach Tansania sind keinerlei Negativ-Tests vorgeschrieben und ich bezweifele, dass die Mehrheit der Gäste sich freiwillig vorab testen lässt. Erst recht dann nicht, wenn man das Risiko eines positiven Befundes nicht gegen Reiserücktritt versichern kann. Bei uns in Deutschland geht das inzwischen, zum Glück! Nun, mehrmals die Woche landen hier also bis zu vier Vollcharter-Maschinen täglich aus Russland, wo eine geschäftstüchtige Agentur mit den Zanzibaris lukrative Geschäfte macht, sehr zur Freude beider. Ich muss ein bißchen schmunzeln und erinnere mich an den Film-Klassiker MAN SPRICHT DEUTSCH, der unsere typisch deutschen Reise-Idiosynkrasien so herrlich auf die Schippe nahm. Aber Klischees erfüllen können andere auch: Sie sind einfach nicht zu übersehen, man erkennt sie an Hot Pants und blondierten Pferdeschwänzen unterm Cappy in der Altstadt, wo sie in Horden vor dem Freddy-Mercury-Museum Schlange stehen. Tja. Ich kann nur fotografieren, was ich sehe, und ich kann nur beschreiben, was ist.
Die Zanzibaris, die ich spreche, sind unisono zutiefst überzeugt, dass alle ankommenden Gäste geimpft sind. Irgendjemand hat das behauptet und jeder plappert es einfach so nach, weil nichts Furchterregendes passiert. Selbst belesene Menschen aus meinem beruflichen Dunstkreis sind völlig sorglos. Saloum spricht vier Sprachen, hat Verwaltungsrecht studiert, kennt die Geschichte seines Landes bis ins kleinste Detail, er ist niemand, der auf Taschenspielertricks hereinfällt. Doch ich kann ihm keine plausiblen Argumente mehr entgegenhalten wenn er sagt: „Aber Maren, diesen Zustand haben wir hier seit August. Alles geht normal weiter, die Hotels sind voll. Ich kenne keine Fälle von Corona mit Symptomen. Ich kenne niemanden, mit einer Ausnahme: Den Vizepräsidenten von Sansibar!“ (aktuelle Anmerkung: der übrigens kürzlich an Corona gestorben ist). Anfangs im April habe man es sehr ernst genommen, da habe es auch vereinzelte Fälle gegeben. Doch habe die Krankheit hier nie ansatzweise zu Ausmaßen geführt wie z.B. denen einer Cholera-Epedemie, als es das hier noch gab. Obwohl die absolute Mehrheit der Touristen keinerlei Rücksicht nimmt (keine Masken, keine Abstände, noch nicht einmal bei der Kleidung geht man auf die Gepflogenheiten einer arabischen Stadt ein, und dieser offensichtliche Mangel an Respekt macht mich sprachlos) muss man irgendwie zur Kenntnis nehmen, dass dieses Verhalten bisher anscheinend keine Konsequenzen hat. Sie testen hier zwar nicht (das hat Tansania mit Nordkorea gemeinsam), aber augenscheinliche Beweise scheinen irgendwie erbracht. „Wenn es uns direkte Kontaktpersonen, also Reiseleiter oder Hotelmitarbeiter, erwischen würde, dann wüsste ich das!“, sagt Saloum mit Nachdruck zum Abschied.
Vielleicht können die Wissenschaftler das Phänomen ja bald erklären. Es mag tatsächlich an den altbekannten Faktoren liegen: Es ist heiß, es gibt so gut wie keine geschlossenen Räume und die Bevölkerung ist sehr jung. Nichtsdestotrotz ist der Kurs der Regierung unverantwortlich gegenüber den eigenen Landsleuten und ich hoffe inständig, dass diese Geschichte für Sansibar gut ausgeht. Denn der überwiegenden Mehrheit der anreisenden Gäste sind die Zanzibaris und ihr Wohlergehen ganz offensichtlich völlig gleichgültig. Um mich mache ich mir übrigens nach wie vor gar keine Sorgen, auf mich selbst kann ich aufpassen. Der einzige geschlossene Raum, den ich in der Stone Town betrete, ist mein Hotelzimmer – und dafür muss ich gar nichts aktiv tun, sondern das ist hier einfach so.
„Ganz schön windig heute!“ meint Stefan und verdreht gequält die Augen, als wir gen Sunset Cruise zum Strand spazieren. Der Arme ist nicht seefest. Die Wellen klatschen regelrecht auf den Sand und unsere Dhow tanzt ordentlich dazu. Der Captain lässt eine Leiter hinunter und als erstes schmeiße ich meine Flipflops an Deck. Beim Erklimmen der Stufen erwischt mich eine Welle und ich bin schon wieder klatschnass, diesmal bis zur Hüfte. Nasse Dreiviertel-Jeans mit etwas Sand in den Falten sind doch ganz was Feines! Na, egal, es ist ja sehr warm. Auch die anderen sauen sich ein und alle sind froh, als wir endlich vom Strand „ablegen“ können und das schlimmste Geschaukel nachlässt. Bald setzen wir Segel und Corina verteilt Weißwein und leckerste kleine Teigtaschen mit köstlicher vegetarischer Füllung. Ich klettere nach oben und überlasse dem Wind das Trocknen meiner Klamotten. Der Wein ist eiskalt und die Kulisse der steinernen Stadt gleicht einem Traum aus 1001 Nacht. Jetzt gleiten wir nur so dahin, im Gleichklang mit unseren Gedanken. Können wir die Zeit bitte >jetzt< anhalten? Ich schließe die Augen. Ngilondoloze! Ngilondoloze!*




„Hier keinen Müll hinwerfen“ 
Sklavenhandel – Sansibars dunkelstes Kapitel 
Maler Masoud 
Emerson on Hurumzi 
Die Schönheit des Verfalls 
Emerson – Dinner 



„Nein, nein Masoud, so viel kann ich nicht ausgeben!“ Ich bin heilfroh, dass wir uns getroffen haben, denn Maler Masoud war heute nicht am gewohnten Ort anzutreffen. Über drei Ecken hat Saloum ihn dann doch noch aufgetrieben. Sichtlich erfreut über unser spontanes Treffen und mit zehn seiner Bilder unterm Arm findet der Künstler sich später in der Livingstone Bar ein, wo wir gerade zu Mittag essen. Eins seiner Werke ziert mein Büro in Hannover und ich möchte heute ein weiteres Bild erstehen. Wofür, das wird noch nicht verraten! Ich liebe seinen Stil und sehe es schon kommen, dass ich auch für mich privat zuschlagen muss. Dieses Zebrabild, was er da mitgebracht hat, das ruft laut und deutlich meinen Namen, ich hör’s doch genau ;-). Wir feilschen ausführlich, aber am Ende sind alle zufrieden: Ich habe doppelt so viel ausgegeben, wie ich wollte, dafür aber gleich drei Bilder im Gepäck. Mein Suaheli ist viel zu schlecht, um mich richtig unterhalten zu können, aber wir verstehen uns auch so. Der Zeichenlehrer der Kinder unserer sansibarischen Kollegen lächelt mich zum Abschied warm an und ich lächele zurück. Das ist die neue Umarmung 2.0 in Zeiten von Corona. Mirko will ihm eine Auftragsarbeit zukommen lassen: Ein Wimmelbild von Hannover. Ich bin jetzt schon gespannt, was Masoud daraus macht.
Der Duft von Zweitaktergemisch und Gewürzen, Meersalz und Kaffee hängt in den Gassen der steinernen Stadt wie ein schweres Tuch. Ich schlendere vorbei an Kontoren und alten Karawansereien, kaufe kleine Geschenke für meine Freundinnen, ein Armband für David und eine schlichte Kette aus kleinen blauen Glasperlen für mich. Leider habe ich dieses Mal keine Zeit für den Laden, in den man „hinein, aber aus dem man niemals wieder herausfindet“, wie es Corinas Tochter so treffend beschreibt. Das Erdgeschoß unterscheidet sich gar nicht so sehr von all den anderen Shops und Fundis in der mittelalterlich anmutenden Gasse im Herzen der Stadt. Gelangt man aber in den ersten Stock, dann eröffnet sich ein Raum wie eine prall gefüllte begehbare Schatztruhe voller Artefakte aus vergangenen Jahrhunderten: alte Sextanten, Schmuckstücke, Stiche, Säbel, Kannen, Lampen…und, vor allem: alte Landkarten. Mit der Uhr im Nacken brauche ich da gar nicht erst reinzugehen. Wann immer ich in den vatikanischen Museen bin, muss ich mit Scheuklappen die ersten zwei Flure Richtung Sixtinische Kapelle überstehen, ich würde sonst überhaupt nicht vom Fleck kommen. Zu eindrucksvoll ist die zu Papier gebrachte Vermessung der Welt, die an den Wänden ausgestellt ist. Oder, wer kennt die großartigste aller Karten, die sich in Madaba/Jordanien befindet? Ein spätantikes Mosaik, die älteste (6. JH) erhaltene kartografische Darstellung des Heiligen Landes mit Details aus der Altstadt Jerusalems ist dort in den Kirchenboden eingelassen. Ein Traum, ein Traum, ein Traum, wie überhaupt ganz Jordanien ein traumhaftes Reiseland ist: Kreuzritterburgen (Kerak!), Wüstenschlösser (Lawrence von Arabien), PETRA…. Wadi Rum, das Tote Meer, JERASH – hach ja… an Reisewünschen mangelt es mir nicht. Seufz.
Aber noch bin ich ja hier, am – für mich – schönsten Ort der Welt, wo afrikanische Lebensfreude und orientalische Lebensart aufeinandertreffen und zu einem von Toleranz geprägten Lebensgefühl verschmelzen, das mir nahe und sympathisch ist. Mopeds heizen durch die Gänge, Männer mit schwer beladenen Handkarren bahnen sich ihren Weg. Kinder spielen in sicherer Gewissheit, dass selbst im größten Chaos jeder auf sie Rücksicht nimmt. Mal bimmeln die Schellen des Hindutempels, mal die Glocken der christlichen Kirchen, und fünfmal am Tag ruft der Muezzin zum Gebet. Alles wie immer. Ach, könnte ich doch noch bleiben!
„Dreißig Stufen sind es sicher noch“, ruft Monika zurück, denn sie kennt das Spiel noch vom Februar 2019. Auf dem Dach des Emerson on Hurumzi, also des Emerson-Hotels in der Hurumzi-Straße, wird jeden Abend zum Sonnenuntergang ein arabisches Menü serviert. Eine Reservierung ist unbedingt erforderlich, denn der Platz ist begrenzt. Man sitzt je nach Wunsch klassisch arabisch auf Teppichen am Boden oder an einem der wenigen Tische auf dem Zweitbalkon. Das Ritual beginnt ungefähr zeitgleich mit dem Ruf des Muezzins zum Gebet: erst Händewaschen in Rosenwasser, dann Vorspeise mit Taarab-Musik, live arrangiert von Künstlern der örtlichen Musikschule. Das Hauptgericht wird in Tonschälchen serviert und besteht meist aus frischem Fisch, Ziegencurry, Salaten und verschiedenen scharfen bis ultrascharfen Saucen. Gut ist, dass man hier im toleranten Sansibar nichts so richtig ernst nimmt, es gibt also nach Wunsch Bier oder Wein dazu. Zwischen den Gängen trägt eine prächtig geschmückte Tänzerin voller Inbrunst alte arabische Liebeslieder vor. Und es wird Nacht über der Stone Town.
Die Sonne ist längst im Ozean versunken, die Klänge der Stadt schallen gedämpft hinauf. Stell Dir vor, ein frischer Wind weht Dir durchs Haar und streichelt Dir zum Abschied durchs Gesicht.
Kwaheri, Tanzania, es ist Zeit für mich, zu gehen.
Aber ich komme immer wieder zurück. In schā‘ Allāh!
morgen: Epilog
*Ohrwurm-Zeile aus JERUSALEMA / MASTER KG, (Zulu) = schütze mich / rette mich
Welch ein Erlebnis, den Bericht und die Videos besonders von dieser Reise zu verfolgen. Man ist förmlich dabei und wartet aufs nächste Kapitel.
Danke, Heiner, und herzliche Grüße nach Hamburg! Wie lange ist eigentlich unser letzer gemeinsamer Urlaub her? 2006 Marienburg, Foucault’sches Pendel und so? Kann das wirklich wahr sein?
Liebe Maren, ganz herzlichen Dank für deine super tollen Reiseberichte. Ich freue mich jeden Tag darüber und fiebere ihnen förmlich entgegen. Du schreibst wirklich so wunderbar und unfassbar gut, dass man durch deine Schilderungen die Reise nachempfinden kann und sie mit dem Auge miterlebt. Deine Berichte erwecken die Sehnsucht es dir gleichzutun. Die stimmungsvollen Bilder und Videos bestärken diese Eindrücke und Gefühle. Man merkt, welche Freude und welchen Spaß du bei deinen Erlebnissen hast. Toll finde ich es auch, dass du dich nicht scheust, auch mal negative Erlebnisse zu erwähnen, obwohl das ja eher selten vorkommt. Hut ab vor dir, diese tolle Reise trotz Corona zu machen!!!! Ich freu mich über weitere Berichte von dir.
Liebe Susanne,
wie lieb von Dir, ganz herzlichen Dank.
Zur Wahrheit gehört dazu, nichts wegzulassen. Ich weiß nicht, ob ich immer objektiv bin, gewiss nicht. Ich glaube ich bin sogar maximal voreingenommen 🙂 Aber ich versuche schon darzustellen, was ich für die Wahrheit halte.
Herzlich,
Maren
Hi Maren, eine Wucht in Tüten oder anders gesagt: „superkalifragilistisch-expialigetisch“ (frei nach Mary Poppins)…habe jeden deiner Blogs aufgesaugt und ergötze mich an der Schönheit des Landes und der satten Farben. Freue mich schon sehr darauf, dorthin zu kommen…
Oh, wow. Ich bin gerührt und tippe auf Rheinland! Die Gleichung aus Vornamen + zukünftiger Abreise ist bei den leider noch so wenigen Buchungen selbst für Mathematik-Verweigerer leicht gelöst. Anyway: Ganz herzlichen Dank und auf bald, Maren
Was für wunderbare Reiseberichte! Das weckt die Vorfreude in mir, auch bald wieder die Welt zu entdecken… Deine Videos sind echt der Knaller! Bitte unbedingt so weitermachen!
DAS freut mich besonders zu hören, denn die machen vergleichsweise viel Arbeit. Umso schöner, wenn sie Dir gefallen. Herzliche Grüße nach Linden (nehme ich mal an), Maren 🙂