Tag 41, 12. August: Hiva Oa – Puamau

Früh um 7:30 gehen wir an Land und besichtigen die berühmteste historische Kultstätte der Marquesasinseln namens Te L’Ipona.
Hier stehen diverse Tikis, das sind Steinfiguren unterschiedlicher Größe, die zu Ehren der Toten errichtet worden sind. Das hat nun wieder etwas mit Mana (ich berichtete) zu tun, denn mit der Figur huldigte man dem Toten nicht nur, wenn man ihm wohl gesonnen und es eine wichtige Person war, sondern auch, wenn es ein bedeutender Feind war, den man im Kampf besiegt hatte. Den Stein gewordenen Geist konnte man auf diese Weise nämlich durch Opfergaben besänftigen.
Rätsel gibt ein in ein Tiki geschnitztes Lama auf. Man nimmt heute an, dass Thor Heyerdahl oder jemand aus dessen Crew diese Arbeit nachträglich vorgenommen hat, um die Theorie, dass Polynesien einst von Südamerika aus besiedelt worden sei, zu untermauern. Dabei kann es sich natürlich ebensogut um eine böse Unterstellung handeln. Man tappt hier im Dunklen.

Den Rest des Tages verbringen Abi und ich mit süßem Nichtstun. Das Mittagessen ist, wie alle Mahlzeiten hier an Bord, sehr lecker und der inkludierte Wein schmeckt auch schon wieder. Statt dem Ort in der nächsten Bucht einen Besuch abzustatten, chillen wir am Pool, den wir fast für uns alleine haben. Diese Buchten hier mit ihrer herben Schönheit erinnern mich ein bisschen an Wales, mit dem Unterschied, dass das Gelände hier so weit und steil nach oben geht. Je später der nachmittag, umso schöner das Licht. Es beginnt immer mit einer Art gelb-orange, das herrlich mit dem Blau des Wassers und des Himmels und dem satten Grün der dazwischen befindlichen Berge korrespondiert. Ich stehe also mutterseelenallein neben der Brücke und schicke meine Gedanken auf Reisen, als Guillaume, der vielleicht 35 jährige Steuermann und Offizier ‚on duty‘ sich auf ein Schwätzchen zu mir gesellt. „Siehst du die Ziegen dort am Hang?“ Klar sehe ich die. Ich frage ihn, ob er denn auch manchmal Wale sieht, was er bejaht. „Ab September regelmäßig, aber nicht in den marquesanischen Gewässern sondern unten bei den Gesellschaftsinseln.“ Er spricht von Frankreich, seiner Heimat, und wie anders das Leben hier ist. Kein Stress, kein Druck, keine gegenseitige Übervorteilung, offene, herzensgute Menschen, füreinander statt gegeneinander. Er will nie wieder zurück nach Europa. „Ist das hier das Ibiza der Zeit?“ frage ich mich. Das Auswandern ist für Europäer denkbar einfach, wenn man über eine gute Ausbildung verfügt, z.B. Arzt oder ein begabter Handwerker ist, dann geht’s auch mit der Arbeitserlaubnis schnell. Denn es mangelt so gut wie überall und in allen Berufsgruppen an guten Fachleuten.
Abends drückt mir Terry, der Archäologe, sein Buch in die Hand. Ich freue mich riesig, denn so kann ich es noch lesen, so lange ich hier im Pazifik bin. Es ist eigentlich für die Schiffsbibliothek gedacht und ich verspreche feierlich, es dort auch zu deponieren sobald ich durch bin. Terry hat etliche Jahre auf Hawaii gelebt und gelehrt und ist überrascht als ich ihm erzähle, dass wir demnächst fast drei Wochen dort sind. „Ich würde mich sehr freuen, wenn wir noch ein wenig Zeit finden darüber zu reden, es gibt so viel zu sehen, was ich dir gerne empfehlen würde!“ Da hab‘ ich freilich gar nichts dagegen und wir verabreden uns locker auf einen Drink in der Veranda Bar, wo wir uns eh jeden Abend über den Weg laufen.

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