Tag 45, 16. August: Rangiroa

„Morgen früh um 6:30 fahren wir in die Lagune von Rangiroa hinein, da begleiteten uns eigentlich immer Delfine“ verriet Jörg uns gestern Abend. Alles klar, Atomkraftwerk war programmiert, ich wache auf und ich springe fix in Jeans und Sweater, ungekämmt und fern der Heimat. Die Delfine verpasse ich, weil ich auf der falschen Seite stehe, aber die Einfahrt ist trotzdem herrlich anzusehen. Dieses Tuamotu ist schier riesig, hat 50 km Umfang, ist aber nur 100-150 Meter breit, weswegen die innenliegende Lagune, in der wir vor Anker gehen, sehr groß ist. Der Viermaster Wind Spirit ist auch hier. Mit der Barge, gesteuert von meinem Freund Roger, schippern wir gen Strand, wo die vordere Klappe sich in den Sand hinein öffnet. „Wie ’44 in der Normandie“ spottet der Engländer und ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Die Assoziation liegt durchaus nahe und englischer Humor darf das.
Abi und ich besuchen freilich nicht die langweilige Perlenfarm. Wir gehen lieber an der Seite des offenen Meeres entlang spazieren, kehren in einer Pension mit Aussichts-Terrasse über dem Meer ein und – Trommelwirbel – hier habe ich mein Paradies gefunden! Kann ich bitte drei Wochen bleiben? Die hell gebeizten Veranda-Möbel scheinen für die Zeitschrift „Schöner Wohnen“ hergerichtet zu sein, meinen Espresso serviert man mir auf einem steinernen Tablett mit urigem, historisch ausschauenden Löffelchen dazu und diese Aussicht ist einfach überragend. Ich setze mich an die Kante der Terrasse, lasse meine Beine über dem Ozean baumeln und kann die Fische ohne zu Schnorcheln von oben fotografieren, weil sie so zahlreich sind und das Wasser so klar. Die Gastgeber hier sind herzlich und freuen sich über meine Komplimente. Hier hat jemand aber mal hundertprozentig meinen Geschmack getroffen!
In direkter Umgebung findet sich der kleine Hafen, eine Bar und der übliche General Store. Windschiefe Blechhütten scheinen jemandes zu Hause zu sein und wir kehren querfeldein über Trampelpfade zurück zur Barge am lagunenseitigen Strand, als es zu regnen beginnt und ein Wind aufkommt. Es sieht so harmlos aus, aber die Rückkehr zum Schiff ist eine abenteuerliche Schaukelei, bei der ich ordentlich nass werde. Wie in der Wildwasserbahn! Roger legt die Barge mit all seiner Routine im dritten Versuch an der Aranui an und wir hüpfen mit den Wellen heftig hoch und runter; vor und zurück nicht mehr, das verhindert ein dickes Tau. Die Wellen schwappen in die Schott hinein und mit Hilfe der Seemänner und unter dem Kommando des Reiseleiters erreichen wir alle sicher das Schiff, wenn auch mit klopfendem Herzen.
Am Nachmittag, als wir wieder unterwegs sind, bleibt es nicht bei Wind, sondern es zieht heimlich, still und leise ein Sturm auf. Anfangs finde ich das alles noch ganz lustig. Terry macht bei seiner dritten Vorlesung Witze, er schwöre, er sei nicht betrunken. Ich gehe anschließend sogar noch in die Skybar, um Fotos zu schießen. Da geht’s mir noch recht gut, aber der Weg hinab durchs Treppenhaus gibt mir schließlich den Rest. Zurück in der Kabine ist mir speiübel. Die Wellen klatschen an unser Bullauge und die ersten Sachen fliegen durch die Gegend. Abi macht das alles ganz und gar nichts aus, der liest doch tatsächlich ein Buch! Ich mache die Augen zu und wie ich so vor mich hin jammere, wirken – Gott sei Dank – langsam aber sicher meine Reisetabletten, was meinen Zustand von grässlich zu erträglich ändert. Ich gehe nicht zum Bora Bora-Briefing. Abi weiß später, dass der Kapitän den Sturm umfahren will, aber davon ist bisher nichts zu merken, es wird immer nur noch schlimmer. „Den Fischen unter uns muss doch auch kotzübel werden“, denke ich bei mir und habe in Gedanken schon meine Schwimmweste an. Musterstation B.
Abi geht derweil gut gelaunt zum Dinner und erzählt später von irren Zuständen: Alles, was noch konnte, servierte heute, einschließlich der Reiseleiter. Die Weinflaschen rutschten filmreif über die Tische, es gab nur Plastikgeschirr und den großen Weinkühlschrank mussten sie mit drei Mann permanent festhalten. Ich habe wohl einiges verpasst, es sei der lustigste Abend überhaupt gewesen, natürlich wieder mit unserer Truppe und reichlich Rotwein. Wohl denen, die nicht seekrank werden!
Die Fahrstühle sind jetzt gesperrt, ebenso die Aussendecks 4 und 5 und im Rezeptionsbereich sind alle großen Blumenkübel umgefallen, genauso wie die mannshohen Trommeln. Alles fliegt durcheinander. Das kann ja noch heiter werden! Die gute Nachricht ist, dass die Tabletten jetzt voll anschlagen. Ich bin fit, kann sogar diesen Text hier tippen und werde jetzt versuchen, zu schlafen. Good Night!

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