Tag 40, 11. August: Wandern auf Fatu Hiva

Heute steht eine Wanderung an, die es in sich hat. Bei 16 km Länge geht es in den ersten zweieinhalb Stunden von Null auf 650 Meter über NN, das ist mal eine Ansage. Abi ist es zu heiss für einen solchen Trip, ich hingegen entschließe mich, das durchzuziehen.
Aber vorher sind wir erst einmal im Dorf unterwegs und besuchen einen lokalen Markt, wo uns wirklich schöne Handarbeiten angeboten werden. Wir erstehen eine hübsche Kette für meine Mutter, lassen uns hinterher zeigen, wie die Blumenkränze fürs Haar, genannt Umu Hei, gebunden werden und welche Blumen warum dafür Verwendung finden. „Los, wonach riecht das?“ fragt Jörg „da müsst ihr drauf kommen“. Ich kenne den Geruch, es ist eine Art Basilikum, deren Blüte Teil des Schmucks ist.

Um zehn startet die Wandertour, die immerhin 71 der knapp 200 Passagiere mitmachen. Jörg hat deutlich gewarnt, nach einer halben Stunde kann man noch umkehren, später nicht mehr, denn die Aranui fährt in jenen Hafen, der Ziel unserer Tour ist. Und 650 Höhenmeter hoch und wieder runter muss man auch nicht weiter kommentieren. Als Marschverpflegung für den Anstieg gibt es eine Orange, ein Ei und einen Liter Wasser. Ich nehme auch die panono mit und habe damit ziemlich viel Gewicht im Rucksack. Ich sortiere mich schell im letzten Drittel ein, aber ich kann das nur schaffen, wenn ich mein Tempo gehe, und das ist bergauf nicht gerade schnell. Ich schwitze. Meine Güte, wie ein einziger Mensch so schwitzen kann! Und dann kommt, was kommen muss: mein schon am Maligne Lake geflickter Rucksack geht wieder kaputt, sprich der linke Tragegurt reißt ab. Das ist wirklich uncool aber es gelingt mir irgendwie, es wieder festzuknoten. Nicht gerade komfortabel, aber immerhin. Ich stemme den größten Teil des Anstiegs übrigens zusammen mit einer Zehntklässlerin aus dem Raum München, die mit ihren Eltern diese Seereise unternimmt. Ich habe nicht viel Luft zum quasseln übrig, aber Lisa erzählt und wir kommen gut voran. Nach vorne wie nach hinten klafft jetzt ein große Lücke und ich bin mir gerade nicht mehr sicher, ob wir noch richtig sind, als ich abgepulte Eierschalen auf dem Weg entdecke. Schnitzeljagd auf marquesanisch.
In weiten Serpentinen steigen wir immer höher hinauf während rechter Hand der Kamm der Caldera noch höher in den Himmel hinausragt. Es zieht sich, jede Kehre könnte jetzt die letzte sein und irgendwann erreichen wir den Gipfel. Das wurde auch Zeit, ich bin erledigt.
Die fantastische Bordcrew hat alles aufgebaut: es gibt eine Sandwichbar, Wasser und Säfte und ein schattiges Plätzchen zum ausruhen. Ich schäle mich aus dem nassen Lappen, der mein Shirt ist, und freue mich über die frische und trockene Kleidung in meinem Rucksack.
Der landschaftlich besonders schöne Teil beginnt beim Abstieg, und Jörg hat nicht zu viel versprochen. Wie ein braunes Band schlängelt sich der Weg durch weite grüne Ebenen mit den vulkanischen, spitzen Gipfeln der langgezogenen Caldera zur Rechten. Und wie viele Orchideen hier wachsen! Wie bei uns die Gänseblümchen, schlicht unzählbar. Immer wieder stehe ich staunend am Wegesrand und mein Blick schweift weit aus und verliert sich am Horizont. Wir kommen schließlich dem Meer näher und können von weit oben in die glitzernde Bucht von Hanavave schauen, wo die Aranui schon vor Anker liegt. Sieht das schön aus! Hier oben ist es nicht so humid wie im Tal und eine frische Brise weht mir um die Nase. Diese Aussicht, diese frische Luft! Ich bin bis oben hin angefüllt mit Glück und Freude und auch mit Stolz, dass ich es geschafft habe. Ich gehe inzwischen mit Erik, einem Schweizer, und einem australischen Ehepaar und wir scherzen und albern herum, machen Fotos und genießen das Leben. Der Weg erlaubt jetzt einen Blick ins Tal, wo wir noch ganz hinunter müssen. Junge, ist das steil! „Schau Maren, wir sind höher als die Vögel“ ruft Erik, und ich sehe sie in weiten Schwüngen tatsächlich deutlich unter uns über dem Tal kreisen. Die enge, steile Straße erinnert mich an die Tour de France. „Das wäre hier doch mal ein astreiner Prolog, Einzelzeitfahren, schließlich sind wir ja sozusagen in Frankreich“ sage ich zu Erik, der einen großen Wasserfall entdeckt hat. „Da gehe ich noch hin!“ Ich für meinen Teil werde diese Wanderung nicht noch freiwillig erweitern, sondern möchte auf direktem Wege zurück an Bord, mich duschen und ausruhen. Besagter Wasserfall bildet einen kühlen, großen Bach, der neben der Dorfstraße in Richtung Meer fließt und ich springe mit den beiden Hamiltons hinein um die Waden zu kühlen. Mir ist alles egal, ich bin eh von oben bis unten nass geschwitzt und so schöpfe ich das kalte Wasser mit beiden Händen und schütte es mir über den Kopf, über die Arme und Beine, ach wie gut das tut! Lady Hamilton macht kurzen Prozess und legt sich in voller Montur mitten hinein.

Nach Sonnenuntergang ist heute Grillabend mit anschließender Party auf dem Pooldeck. Alle sind hier eingeladen, ich stehe in der Schlange mit feixenden Seemännern und Servicekräften und finde es so ungemein sympathisch, dass wir Passagiere nichts ‚Besseres‘ sind. Wir dürfen hier mitfahren und sind gern gesehene Gäste, doch ist die Aufgabe der Aranui ja eigentlich eine andere, nämlich die eines Frachters. Sämtliches Personal ist wie eine große Familie. Und so feiert die ganze Crew heute und es wird sicher eine lange Nacht. Leider ohne mich, ich bin restlos erledigt und muss mich früh schlafen legen.

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