1500

Krückeberg, Mitte der 90er Jahre

„Fünfzehnhundert!“, dröhnt die Stimme von Bobby Deichmann – das ist mein Vater – durchs Treppenhaus, die Tonlage ist eindeutig fragend und auffordernd. Ich sitze zu der Zeit gerade am Schreibtisch in meiner Zweizimmerbude unterm Dach unseres Elternhauses und schwitze über den Mathe-Hausaufgaben der 11. Klasse. Warum in Dreiteufelsnamen müssen die jetzt Pfeile über Buchstaben setzen, um eine Ebene zu bestimmen? In meinem ganzen Leben werde ich nichts mehr nach X auflösen, das weiß ich ganz sicher. Das braucht doch echt kein Mensch. 1500? Was will er nur? Ich checke es nicht und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den sich mir nicht erschließen wollenden Code im Buch vor meinen Augen. Kurze Zeit später schallt es erneut durchs ganze Haus, dieses Mal noch eindringlicher und mit leicht spöttischem Unterton: „Fünfzehnhundert!“ Das scheint irgendwie mir zu gelten.
Ach sooooo! Na loggisch, er meint natürlich mich! Ich renne die Treppe hinab, froh über die Erlösung von dieser idiotischen Mathe-Aufgabe, der ich mich trotzdem tapfer gestellt hatte, springe durch die offene Tür in die Wohnung meiner Eltern und grinse. „Was’n, Papa?“ Er strahlt mich wohlwollend an, während meiner Mutter die Fragezeichen noch deutlich ins Gesicht geschrieben stehen. „Ist doch klar, Mama!“, kläre ich sie auf. „1500 – MD, römische Zahlen!“

Moria, September 2020

1500 Menschen wird Deutschland aufnehmen. Also im wesentlichen diese Menschen, die ein Anrecht auf Asylstatus haben. Nicht aber die „Wirtschaftsflüchtlinge“. Ich lehne dieses Wort ab, weil es so salonfähig klingt. Als ob es irgendetwas daran ändern würde, dass ein Mensch mit Sorgen, der offensichtlich Hilfe braucht, im Stich gelassen wird, nur, weil er oder sie andere Gründe hatte, die Heimat hinter sich zu lassen.

Dass wir uns nicht falsch verstehen bitte – ich weiß es auch nicht besser. Aber könnten wir uns darauf einigen, dass es scheinheilig ist, jetzt 1500 zu retten und ansonsten so weiter zu machen, wie bisher? Dass Minister Gerd Müller ernüchtert und desillusioniert das Handtuch wirft ist für mich eine der schlechtesten von vielen schlechten Nachrichten in diesem Jahr.

Ich wünschte mir, dass Online-Meinungsführer wie Erik Flügge und Dunja Hayali erkennen, dass es unter den Regierungskritikern, die sich bescheuerterweise unter CORONA versammeln, auch genügend Leute gibt, die genau diese Doppelmoral beklagen: Wir verbieten in der EU die Käfighaltung von Hühnern, lassen aber den Re-Import der Eier solch bedauernswerter Kreaturen in der Tiefkühlpizza zu. Und wir schicken unseren Elektro-Müll nach Ghana, wo sich Kinder daran vergiften, deren Eltern die Kosten für die Behandlung der Folgeerkrankungen nicht aufbringen können. Kobaltminen im Kongo für Elektroautos = Kinderarbeit, das weiß jeder. Aber interessiert uns das denn?
Wirtschaftsflüchtlinge. Alles klar.

Vermeintlich einfache Antworten haben heutzutage irgendwie alle parat. Aber wo ist das Superhirn, das das Dilemma lösen kann und die richtigen Fragen stellt? – Marvin?

Wir müssen das offenbar irgendwie nach X auflösen. Ich bin natürlich raus.

 

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