Hellas

“Dann guck Dir halt das Elend an!”, sagt der beinahe neunjährige Laines, schiebt die Blende hoch, schaut mich bedauernd an und zuckt mit den Schultern.

Condorflug DE 1612 ist startklar und – wie immer – verfluche ich innerlich den Tag, an dem ich gebucht habe. Meine Flugangst (starten!) ist etwas lästig und übrigens auch wenig kompatibel mit meinem Job. Aber dies ist Urlaub – Segeln im Ionischen Meer rund um Korfu mit guten Freunden. Herrlich!
Ich bedanke mich trocken für den Zuspruch und erkläre dem aufgeweckten Burschen, dass die Sonnenblenden bei Start und Landung immer hochgeschoben sein müssen. „Warum?“, kommt die unweigerlich folgende Frage aller Neunjährigen dieser Galaxie wie aus der Pistole geschossen, und jetzt bin ich es, die mit den Schultern zuckt. „Keine Ahnung, Laini, aber warte ab, gleich kommt die Durchsage dazu. Das sagen sie immer!“

Uuuuund Schub.

Zwei Tage später
Als ich die Augen öffne, blicke ich durch die Dachluke meiner Koje auf ein Sternbild, das aussieht wie ein Drachen. Es ist das erste was ich heute sehe und es ist wunderschön. Ganz sanft schaukelt das Boot in der Bucht einer unbewohnten vorgelagerten Insel an der Südspitze von Korfu, wo wir gestern spätnachmittags festgemacht haben. Würden die Sterne nicht so hell erstrahlen, dann wäre es stockfinster. Es ist so friedlich und klar, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass heute noch dieser enorme Sturm aufzieht, der seit Tagen angesagt ist und uns ein wenig Sorgen macht. Bei 7-8 Windstärken und Gewitter müssen wir auf jeden Fall für die Nacht einen Hafen aufsuchen. Aber so konnte es ja auch nicht weitergehen!
Wir segeln nun schon den zweiten Tag infolge bei angenehmer Brise und Temperaturen jenseits der 20 Grad an der Küste entlang. Vereinzelte Wolken verzieren den stahlblauen Himmel. Korfu-Stadt mit seiner venezianischen Festung ist vom Meer aus betrachtet eine gewaltige Erscheinung. Mein Freund, der Archäologe und Zypernkenner Andreas Trapp, ist in seinem Element und berichtet von mittelalterlichen Eroberungszügen und Mythen, das Steuerruder lässig in der Hand haltend. Meine Freundin Linda, ihr Sohn Laines, mein Neffe David und ich hören fasziniert zu, während Skipper Peter den Wind im Auge behält. „Klar zur Wende!“, ruft er dazwischen, was Andreas direkt bestätigt. „Re!“

Wir verlassen die Küstenlinie und kreuzen auf offenerer See, als der Wind nachlässt. Aber was soll‘s wir haben einen Motor. Dieses Boot der Klasse Sun Odyssey 439 ist 14 Meter lang und mit mehr Komfort ausgestattet als ich erwartet hatte. Es ist erstaunlich geräumig und wenn man sich gut merkt, wo man was verstaut hat, findet man Dinge sogar wieder. Linda ist mehr oder weniger auf Booten aufgewachsen und übernimmt das Steuer, während unsere Hauptsegler sich im Bug in die Sonne legen und reden. Ich kümmere mich um die Musik und es dauert nicht lange, bis David sich die – für heute – großartigste Tanzfläche des Mittelmeers zu Eigen macht. „Klapp mal den Windschutz runter, ich kann überhaupt nichts sehen!“, ruft Linda mir zu und grinst frech. Den Wunsch kann ich nachvollziehen – Eleganz hat man eben oder man hat sie nicht. Unser David ist jedenfalls reich damit beschenkt. Und er tanzt.

Am Nachmittag gehen wir in einer Bucht mit glasklarem Wasser vor Anker und machen zusätzlich mit der Landleine fest. Am Horizont ragt die bergige Südspitze Korfus in den Himmel. „Genau da geht nachher die Sonne unter!“, erzählt Lindas Kumpel Peter. Er ist seit Jahren nebenberuflich als Skipper unterwegs und genießt diesen Trip unter Freunden. Wir schnorcheln und ärgern die Daheimgebliebenen mit Video-what’s App-Calls aus dem Ozean. Was mit wasserfesten Smartphones heute so alles möglich ist! David und Laines machen einen Köpper nach dem nächsten von Bord während Linda mit dem SUP umhersaust. Andreas fotografiert, ich filme. Alles wie immer. „Eines schönen Tages kriegen wir die Quittung für diesen Sommer!“, rufe ich aus dem Wasser zu ihm hinauf. „All diese wunderschönen gemeinsamen Reisen und Momente, das erscheint mir einfach zu unangemessen großartig!“

Als die Sonne standesgemäß in allen Farbschattierungen von blau bis rot versunken ist, machen wir das Dingi klar und setzen über an den steinigen Strand. „Ich bin Dorfkind, ich kann überall ein Feuer machen und dafür brauche ich nur ein einziges Streichholz!“, bemerkt Linda, während wir im Licht der Taschenlampe trockenes Holz sammeln. Kurz darauf brennt es schon. Mit der Zeit zeichnet sich die Milchstraße deutlich am Himmel ab. Wir liegen auf dem Rücken und schauen in die Sterne während das Feuer knistert und quatschen über Gott und die Welt. David macht mit Laines die schönsten Fotos in Langzeitbelichtung, indem Laines mit einer Lampe Figuren in den Himmel malt. „Das ist ein Trecker!“ Natürlich. Was sonst. 🙂

Später walten David und ich unseres Amtes und kümmern uns ums Abendessen – heute Spaghetti Carbonara – während Andreas noch ein Sternenbild mit Boot macht. Und das Bild, meine Lieben, solltet ihr euch ansehen.

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