An guten Tagen

Es ist halb 7 und die Sonne linst bereits über die spiegelglatte See. Wir liegen in einer Bucht vor Korfu und der Schnarchnasentrupp hier an Bord schläft noch den Schlaf der Gerechten. Selbst mit dem Duft frisch aufgebrühten Kaffees kann ich heute niemanden herauslocken. Ich könnte es mit den GIPSY KINGS auf Anschlag versuchen – VOOOOOLARE – aber nein, da will ich mal nicht so sein. 😉

Da nutze ich lieber den friedlichen Morgen, um noch ein bisschen von den letzten Tagen zu berichten.

„Die größten Probleme beginnen immer mit den Worten LASS UNS MAL EBEN SCHNELL..“, sagt Peter und grinst mich an. Eigentlich wollen wir ein bißchen segeln und „mal eben schnell“ ein paar Drohnenaufnahmen schießen, aber der Plan geht nicht auf. „Der Anker kommt nicht hoch!“ ruft Linda Richtung Steuermann. Das ist irgendwie ungünstig und schnell stellt sich heraus, dass er nicht festsitzt. Es ist schlimmer: Die Stromversorgung scheint unterbrochen. Unser Boot hier hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel und müsste mal generalüberholt werden. Mal piept’s hier, mal fällt das Navigationsgerät aus. Alles kein Drama in diesen überschaubaren Gewässern, aber Gas und Bremse müssen schon funktionieren, sonst geht es nicht. Also ziehen wir die schwere Kette von Hand hoch, kontaktieren den Ingenieur des Vercharterers und kreuzen unter Motor vor der Küste. Could be worse, indeed, denn die Sonne scheint, wir sind bestens versorgt und die Jungs von der Werft haben schnelle Hilfe versprochen. Wir vertreiben uns die Zeit mit Filmmusik-Raten, Spotify macht’s möglich. Unangefochtener Sieger wird David, auch wenn er sich beklagt, dass er bei den „alten Schinken (JURASSIC PARK, ähem… alt???) keine Chance habe.

 In weniger als einer Stunde schnellt ein Speedboat heran und macht längsseits fest. Ein freundlicher Kerl springt zu uns herüber und repariert den Schaden in Windeseile, indem er ein paar Schrauben festzieht und die Verkabelung neu isoliert. Und meine Gedanken wandern zurück nach Johannesburg, wo ich einst im A350 der SA 261 gesessen habe, während zwei Mechaniker im Blaumann – einer mit nem Hammer und einer mit nem Schraubenzieher – quer auf dem Flügel lagen und wild am Getriebe herumklopften, während sie unablässig mit den Schultern zuckten und Gesten voller imaginärer Fragezeichen in Richtung Cockpit absonderten. Kurz bevor ich soweit war, auszusteigen, erbarmte sich seinerzeit der Pilot und ließ die Maschine räumen, um ein Ersatzflugzeug einzusetzen.

Ganz so schlimm ist es heute nicht. Doch für ein Anlegemanöver im Hafen braucht man einen funktionierenden Anker. Dabei wird das Boot zumeist rückwärts sachte Richtung Anlegestelle manövriert, je nach Wassertiefe mit möglichst exakt berechneter Kettenlänge per Anker am Bug gebremst und schließlich im Heck mit einer Leine am Kai festgezurrt. Wenn der Skipper es draufhat, so wie unser Peter, dann sollte das ohne jeden Landkontakt vonstatten gehen. 

„Klarmachen zum Segelsetzen!“ ruft Peter. Für mich bedeutet das: Ab in die Küche, denn ich muss alles, was durch die Gegend fliegen könnte, gut verstauen. Wir haben 20 Knoten Wind und müssen heute kreuzen, weil es nicht von Achtern bläst, sondern von vorne. Das bedeutet erstmals auf diesem Törn mehr Schaukelei, hinein in die Wellentäler und darüber hinweg. Alle Schränke unter Deck sind mit Druckknöpfen versehen, die fest schließen. Ich verstaue also sämtliche Pfannen, Töpfe und Gläser ordnungsgemäß, sowie alles, was sonst noch Eigenleben entwickeln könnte, wie Laptops, Handys, Sonnenbrillen… „Unter Deck alles klar!“ gebe ich zurück und klettere hinaus, wo die Matrosen Linda, Maren und David schon an den bunten Stricken und Tauen sitzen und ihre Befehle abwarten: Diese Klemme öffnen, jenes Tau um die Winsch legen, dieses da vieren und ZACK – schon schnellen die weißen Segel hinaus. Ab geht die wilde Fahrt! Weil es wirklich furchtbar heiß ist – das Thermometer zeigt über 35 Grad Celsius – ist die fliegende Gischt ein Genuss und eine willkommene Abkühlung, wenn sie uns in die Gesichter und quer über Shirts und Beine klatscht. Ich mach’s mir bequem und lausche mit einer Mischung aus Faszination und Skepsis Peters Erzählungen von seiner Atlantiküberquerung. Fünf Meter hohe Wellen, drei Wochen von St. Maarten bis zu den Azoren. „Da bist Du schnell außerhalb jeder Reichweite von Helikoptern oder anderen potentiellen Rettern und ich gebe zu, den ein oder anderen Gedanken in die Richtung, was ich hier eigentlich tue, hatte ich!“ Fürwahr. So spannend und verlockend das auch klingt, aber da bin ich raus. Auch Linda, Maren und David winken ab. Wir bleiben lieber auch im kommenden Jahr hier in unseren griechischen Gewässern: Klares Wasser, Sonne, Wind, einsame Buchten… perfekt. 

In Parga am griechischen Festland legen wir an und erkunden das hübsche Städtchen in sengender Hitze. Aber schon alleine das Schuhe anziehen fühlt sich denkbar falsch an nach beinahe einer Woche Lotterleben! Heute Abend müssen wir bis 18 Uhr den Hafen erreichen und morgen früh von Bord gehen. Wie schade, aber andererseits habe ich so gut wie keine Klamotten mehr, die ich nicht senkrecht hinstellen könnte, weil sie von Meersalz und Sonnenmilch so vollkommen durchtränkt sind. 

So – jetzt ist es halb 8, draußen fährt irgendjemand Wasserski, da schnapp’ ich mir doch glatt das SUB und schaue mich mal um hier in dieser Bucht, wo neben uns noch etliche andere Yachten liegen. 

Wir sehen uns wieder, wenn Ihr mögt, hier in gut zwei Wochen, dann – zur Abwechslung – aus JRO Kilimandscharo Intl. Airport.

PS.: Den türkis-Contest mit Timo haben wir übrigens gewonnen 🙂 

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