20. September: In 80 Tagen um die Welt

Die Triple 7 fliegt mit 900 Sachen durch den russischen Luftraum und mit jeder Minute, die vergeht, bringt sie uns der Heimat näher.

So viel Zeit ist vergangen, seit ich im Maritim Airport Hotel am Vorabend des 2. Juli einen Gin Tonic auf unser großes Abenteuer geordert habe! Es kommt mir fast unwirklich vor, dass unser unbeschwertes Zigeunerleben heute zu Ende geht. Diese Reise habe ich mir nicht ausgesucht oder wer-weiß-wie lange danach gestrebt, sondern sie ist zu mir gekommen, oder besser, zu uns. Geboren aus einer Schnapsidee bei einem Spaziergang im Hamelner Stadtwald ist etwas ungeheuer Wertvolles entstanden, das uns niemand mehr nehmen kann. All die Erinnerungen an skurrile Situationen, atemberaubende Aussichten und so manche Einsicht sind ein unvergessliches Potpourri aus allen Gefühlslagen.

Wenn ich nur daran denke, wie ich gelacht habe, als mir der Kellner am ersten Abend in Calgary ein Erdinger alkoholfrei serviert hat. Und ich dachte, ich sei ab jetzt ganz weit weg von Deutschland. Oder wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie es sich anfühlt, nach 500 Meilen auf dem kanadischen Highway in ein 45 Grad heißes Zimmer ohne Klimaanlage auf der Ranch zu ziehen! Erst durch das Überwinden der Grenze in meinem Kopf war La Reata im Nachhinein so einzigartig. Abi ziehen zu lassen, das war bitter, aber es war auch alternativlos. Da fahren die Gefühle Achterbahn! Diese Situation war sehr, sehr speziell, aber wir haben sie gemeinsam entschieden und gemeistert. Was sollte uns jetzt schon noch passieren?

Geschwitzt und geflucht habe ich bei der langen Wanderung in Jasper. Wie ein einziger Mensch so viel schwitzen kann! Da haben wir ein Ehepaar aus Bern getroffen, die mit ihrem Bulli schon ein Jahr lang unterwegs waren und in Mexiko überwintern wollen. Wo die wohl jetzt sind? In Jasper schneit es übrigens morgen, sagt meine WetterApp. Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen.

Und die Staaten? Es war eher ein Pflichtprogramm als ein Herzenswunsch und wie es so oft ist: die Partys, auf die man keine Lust hat, werden die besten. Die großartige Natur Utahs hat einen festen Platz in meiner persönlichen Bestenliste und steht da sehr, sehr weit oben. Überhaupt ist der nordamerikanische Kontinent für mich die größte Überraschung dieser Reise. Ich wusste ja, dass es schön ist, aber dass es mich so schwer erwischt, das habe ich nicht vermutet.

Wie unterschiedlich sich eine Region entwickeln kann, zeigt sich in Polynesien, ist Hawaii doch so etwas wie Amerikanisch-Polynesien: Auf der einen Seite das abgelegene Paradies frz. Polynesiens, auf der anderen Seite die moderne Glitzerwelt. Hawaii wirkte auf mich zeitweise wie ein verkleidetes und in Form gebrachtes Paradies. Bei allen Vorzügen der modernen Zivilisation haben es diese Inseln natürlich viel schwerer, ihre Südsee-Identität zu bewahren. Das mag einem vermehrt auffallen, wenn man von frz. Polynesien einreist, aber so haben wir es erlebt.

Und Japan? Japan bleibt für mich ein großes Rätsel. ‚Japaner unterscheiden sich mental stark von Europäern. Wir fragen nicht nach dem Warum, wir fragen, wie hat man es bisher gemacht?‘ sagte Ito-San. Und aus diesem Satz heraus lässt sich schon eine Menge ableiten und verstehen. Darüberhinaus schauen sie, was Fremde machen, um es dann zu kopieren und zu verbessern. In Tokio steht eine Kopie des Eiffelturms und eine Kopie der Golden Gate Bridge, Lexus ist eine Kopie von Mercedes. Und sie finden das gut und erstrebenswert! Die einzelnen Individuen der Gesellschaft denken oft kollektiv und weniger an sich selbst. Wie selbstverständlich steht eine Dame in der U-Bahn lächelnd auf und setzt sich auf einen Einzelplatz gegenüber, damit Abi und ich nebeneinander sitzen können! Und das ist vielmehr ein gutes Beispiel als eine Ausnahme. Füreinander und wie die anderen, das ist ein wesentlicher Teil der japanischen Lebensart. Aber es werden eben auch Blätter an Bäumen abgeschnitten, wenn sie nicht nach oben zeigen. Ito-San nannte es ästhetisch, für mich steht es im krassen Gegensatz zur betonwüstenhaften Landschaft mit grauen Bauten im 60er Jahre Stil, die in meinen Augen bestenfalls als zweckmäßig durchgehen. Aber für die Rückschau auf Japan brauche ich auch noch ein bisschen Abstand, die Zeit verändert den Blickwinkel.

Die Mücken in Kanada habe ich schon fast vergessen.

Drei Monate lang durfte ich mein Leben, das üblicherweise stark von meinem Beruf geprägt ist, an die Seite schieben und vergessen. Das fühlte sich an, wie wieder 18 zu sein, ohne Sorgen, unbeschwert und frei.

Ich bin zutiefst dankbar, dass ich das erleben durfte! Allen voran meinem Chef Gerrit Preckel, meiner Stellvertreterin Caro Riebe und all den anderen, die meine Arbeit gemacht haben und es lächelnd hingenommen haben, als ich Ende Juni die Stapel verteilt habe.
Dann natürlich unserer Mutter, die sich um die Wohnung gekümmert hat.
Familie und Freunden für ihre Anteilnahme und die netten Worte zu diesem Blog, die mir jeden Abend aufs neue ein Ansporn waren, mich hinzusetzen und zu schreiben.

Und schließlich und endlich meinem Mann, der diese Reise viel mehr mir zuliebe als sich selbst zuliebe gemacht hat. Dir zuliebe belasse ich es bei diesen wenigen Worten hierzu, denn ich weiß, dass du es nicht leiden kannst, dergleichen hier zu lesen. 😘😘😘

Zum guten Schluss:  Die schönsten Momente dieser Reise habe ich hier in zweieinhalb Minuten nochmal zusammengefasst und zu den Antworten aus dem Fragespiel geht’s hier lang.

Das Video zur Japan-Reise folgt noch in den nächsten Tagen, aber ansonsten ist jetzt erst einmal Pause mit Tante Marens Märchenstunde 😉

Schön, dass Du dabei warst!

Ich melde mich hier wieder am 20.11. aus Johannesburg!

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