Tag 70, 10. September: Tempel, Tee und Rituale zwischen Kyoto, Uji und Nara

Der Bus fährt heute Morgen pünktlich vor. Es ist das gleiche Modell wie gestern, aber ein anderes Fahrzeug. Das ändert freilich nichts daran, dass der Deutsche seinen gestrig angestammten Platz wieder einnimmt. Japanische Rituale funktionieren letztlich auf die gleiche, unsichtbare Weise, folgen uralten gesellschaftlichen Regeln und sind für Außenstehende kaum zu verstehen. ‚Schaut, diese kleine Kordel um die Bambusstange am Boden‘ erzählt Reiseleiter Ito-San ‚für jeden Japaner ist klar, dass man hier nicht eintreten darf. Man könnte auch ein Schild hinstellen „Zutritt verboten“, aber das ist viel zu direkt! Undenkbar!‘So gibt es im Japanischen zahlreiche Worte für ‚ja‘ aber nur eines für ’nein‘, was jedoch nicht verwendet wird. Anstelle ’nein‘ zu sagen, wird vielmehr in mitunter ausschweifenden Ausführungen dargelegt, dass es vielleicht doch noch eine andere Möglichkeit gibt, die auch in Betracht gezogen werden könnte.

Die traditionelle Teezeremonie veranschaulicht all die Riten und Symbole: Zunächst betreten wir den Ort, natürlich ohne Schuhe. Dieser Schuhe darf ich mich allerdings keines Schrittes zu früh entledigen, weil ich ansonsten ja meine Socken beschmutzen würde. Wir sitzen auf einer Matte auf dem Boden, wobei die Füße theoretisch nicht auf andere Menschen zeigen dürfen. Wenn man sich nun aber im Viereck gegenübersitzt, dann bedeutet das, auf den Knien sitzen zu müssen. Das ist keine Position, die ein Europäer lange durchhält, deswegen dürfen wir schummeln. Der Grüne Tee wird nun von einer Meisterin angegossen und mir schließlich mit einer Verbeugung auf Knien in einer Schale angereicht. Ich nehme die Schale auf der flachen linken Hand entgegen, wobei mir aus Höflichkeit die Schale so angereicht wird, dass die schöne Seite mit einem Bild darauf für mich zu sehen ist. Aus Bescheidenheit drehe ich nun die Schale im Uhrzeigersinn, bis die schöne Seite zur Mitte zeigt und trinke meinen Tee. Dabei darf ich schlürfen, um das heiße Gebräu abzukühlen. Sinn und Ziel der Zeremonie ist die Erlangung von Harmonie, Respekt, Sauberkeit und Abgeschiedenheit. Zur Ruhe zu kommen und in sich zu ruhen. Im Teeraum sind übrigens alle Menschen gleich und auf Augenhöhe, heute Manager und Azubi, früher Samurai und Bauer.

So langsam bekomme ich eine Ahnung davon, wie viele unausgesprochene Regeln ein Kind in Japan zu lernen hat, bis es erwachsen ist. Für Außenstehende und Besucher ist das kaum zu durchschauen, auf Anhieb schon mal gar nicht. Wer hier leben und nicht von einem Fettnäpfchen ins nächste tappen will, muss eine große Bereitschaft zur Integration mitbringen.
Aber das gesellschaftliche Regelwerk scheint gut zu funktionieren! Der Umgang der Menschen untereinander ist von Höflichkeit geprägt und dieselbe erweist man auch seiner Umgebung. Niemand käme hier auf die Idee, Müll auf den Boden zu werfen. Alles ist sehr sauber.

Respekt heißt das Zauberwort, das mir heute nicht aus dem Sinn geht.

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