Reisen in Zeiten von Corona

Versuch einer Auseinandersetzung

Ich fliege am Freitag nach Tansania. Ehrlich gesagt mache ich mir überhaupt keine Sorgen um mich selbst. Meine einzige Sorge gilt den Menschen in Tansania. Als eins der wenigen Länder auf der Fernstrecke hat Tansania zum 1.6. seine Grenze geöffnet und hofft auf eine schnelle Rückkehr zur Safari-Normalität. Das Land ist wirtschaftlich abhängig vom Tourismus, und nicht nur dieses Land: Wenn Tansanias Wirtschaft kollabiert folgt eine Kettenreaktion, dann sind abhängige Nachbarländer direkt und womöglich noch viel schlimmer betroffen. Denn Tansania, mit seiner reichen, fruchtbaren Erde und den verlässlichen Regenmengen, produziert und exportiert Lebensmittel für viele Anrainerstaaten. Ist es also das Risiko wert, Menschen aus aller Welt wieder einreisen zu lassen, die möglicherweise ein Virus im Gepäck haben, das einzudämmen mit den vorhandenen Strukturen im Gesundheitswesen kaum gelingen kann?

Aber natürlich gibt es längst Corona in Tansania.

Grundsätzlich meine ich, dass wir Europäer uns in die Pläne des souveränen Staates Tansania nicht einmischen sollten. Jeder hat seine Gründe und das Recht auf eine eigene Entscheidung. Die Aufhebung der Reisewarnung innerhalb Europas kann ich auch nur vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Interessen verstehen. Aber ist das Mittel der Reisewarnung dafür gedacht, den europäischen Binnenmarkt zu stabilisieren?

Wenn die Entscheidung der tansanischen Regierung also eventuell fragwürdig ist, so doch aber kaum fragwürdiger, als die unserige hier in Europa. Denn wir wollen doch sicher nicht pauschal behaupten, Gastgeber in Italien und Spanien könnten Regeln einhalten, Gastgeber in Tansania indes nicht.

Ein nicht von der Hand zu weisender Punkt ist die mangelnde Möglichkeit, sich im Falle einer eigenen Erkrankung flächendeckend intensivmedizinisch versorgen zu lassen. Doch kann man dem aus meiner Sicht gut entgegenwirken, indem man keine Reisen ohne Flying-Doctors-Versicherung antritt, die in unseren Abenteuer Tansania-Paketen ohnehin und schon immer enthalten ist und die eine Notfall-Behandlung in erstklassigen Krankenhäusern garantiert.

In Tansania geht es um noch mehr. Es geht außerdem um den Erhalt der Serengeti. Ohne Einnahmen aus dem Tourismus haben die Schutzgebiete keine Chance. Rapide Verarmung der Bevölkerung würde in kürzester Zeit zu noch mehr Wilderei und Anarchie führen, die Grenzen der Parks wären kaum zu schützen und niemand kann sagen, wie groß und / oder möglicherweise irreversibel der Schaden wäre. Kein Nationalpark kann auf Dauer funktionieren, wenn die Menschen die Notwendigkeit seines Erhalts nicht respektieren, und das tun sie dann, wenn sie einen Nutzen für sich sehen: Arbeitsplätze, Devisen, Bildung. Was in Tansania so vergleichsweise gut funktioniert steht durch Reisebeschränkungen akut auf dem Spiel.

Nun hat Tansania also geöffnet, die Fluggesellschaften nehmen ihren Betrieb wieder auf und unsere Gäste möchten reisen. Die überwiegende Mehrheit will weder stornieren noch umbuchen, sondern die Safari antreten. Die Aussicht auf beinahe menschenleere Nationalparks ist natürlich verlockend, die Gefahr einer Ansteckung im Privatfahrzeug inmitten der Natur vergleichsweise überschaubar.

Eine Reise nach Tansania bucht man nicht so leichtfertig wie ein Wochenende in Amsterdam, und ebenso wenig leichtfertig sagt man sie ab. Für viele ist es ein Lebenstraum.

Vor dem Hintergrund all dieser Mosaiksteinchen schwebt trotzdem die eine Frage über allem: Reisen in Zeiten von Corona – Darf man das? Sollte man das?

Aus den Gesprächen mit unseren Gästen weiß ich, dass diese Gedankengänge ganz vielen Kopfzerbrechen bereiten. Aber das ist eben eine dieser Fragen, auf die es keine leichten Antworten gibt. Am Ende unterliegen unsere Entscheidungen persönlicher Verantwortung, der man sich nicht entziehen kann. Das ist der Preis der Freiheit.

Ich fliege am Freitag nach Tansania.

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