Tag 11/12, 3./4.2.2021
Ort: Seronera, Serengeti
o/n: Thorntree Camp
>Monikawestphal folgt Dir jetzt<
„Ich wusste gar nicht, dass Du bei Instagram bist!“
„War ich auch nicht. Bis eben gerade.“
„Bis eben gerade?“
„Ja. Klar. Habe gerade ein Konto eingerichtet. Glaubste, ich kann das nicht?“
Sagen wir es so: Ich traue ihr inzwischen alles zu. Unsere Grande Dame in der Runde ist Mitte Siebzig, erst vor wenigen Monaten am Knie operiert und stemmt hier bislang alle Strapazen, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beklagen. Ein kritischer Blick auf ihr angeschwollenes Knie verrät, dass sie eigentlich sehr wohl Schmerzen haben muss. Natürlich gehen wir hier in unserer so harmonischen Truppe achtsam miteinander um, aber die Tage sind lang und die Wegstrecken ruckelig, da muss man durch, es hilft nichts. Das gilt auch für mich und meinen entzündeten Hals, genauso wie für den armen Stefan und seine von der gleißenden Sonne und vom salzigen Staub Ndutus übelst aufgesprungenen Lippen. Allen Wanderern steckt außerdem die fordernde Hochlandtour in den Knochen, vielleicht mit Ausnahme von Jörg. Der muss irgendwo versteckt Duracel-Batterien verbaut haben, ich sehe bei Gelegenheit mal nach 😉
Monikas abendliche Campfeuer-Geschichten aus ihrem ereignisreichen Leben faszinieren mich. Vor mir sitzt eine waschechte Vorreiterin der Frauen-Emanzipation. „Mein späterer Mann war hartnäckig, wollte mich unbedingt heiraten. Ich hätte damals noch unterschreiben müssen, dass ich ihm gehorche, das war zu der Zeit so üblich. Habe ich abgelehnt und bin erstmal ein Jahr in die USA gegangen, habe mir Arbeit gesucht und das Land angesehen. In den Sechzigern war das. Als ich zurückkam, konnte ich seinem Werben nicht länger widerstehen und habe zugestimmt, aber auf einen Zusatzvertrag bestanden, der regelte, dass ich nicht gehorchen muss!“
Kaum zu glauben, dass die Handlung dieser Geschichte nur eine Generation zurückliegt. Aber es läßt mich hoffen, dass schon die nächste Generation sich nicht mehr wird vorstellen können, dass Schwule nicht mit Fußball spielen dürfen. Wouldn’t that be nice?

Serengeti. Wer kennt die dreiteilige ZDF-Doku, die in zweierlei Perspektiven, nämlich einmal aus Sicht eines Geiers und einmal aus Sicht eines Pavians erzählt? Es ist eine Terra X-Produktion und sie lief zufällig gerade in der Wiederholung auf ZDFneo. Wer’s noch nicht gesehen hat – dringende Empfehlung. Es ist wirklich etwas ganz Besonderes.
Und so, wie in jenem so behutsam gefilmten Werk, genau so sieht die Serengeti im Januar und Februar aus. Es ist nicht das große Stelldichein der Tiere zu erwarten, jetzt, wo sich alle Zebras und Gnus in Ndutu konzentrieren. Im hoch stehenden Gras sind kleinere Antilopen und Katzen aller Art schwer auszumachen. Aber diese Landschaft! SIRINGIT, weites Land! Oh, wie wahr! Sattgrüne Ebenen so weit das Auge reicht! Mal ziehen einsame Elefantenbullen vorbei, mal selbst im höchsten Gras nicht zu übersehende Giraffen. Und jetzt ist die ideale Zeit für die Vogelbeobachtung! Lovebirds schnattern herum und die allgegenwärtigen Gabelracken, darüberhinaus sichten wir etliche Raubvögel wie Falken, Bussarde, Habichte und Adler. Sie alle finden nun reichlich Nahrung auf dem feuchten Boden, der Gräser und Pflanzen sprießen läßt, die ihrerseits wiederum allerlei kleine Nager ernähren. Und irgendwo mussten sich ja all die Flamingos herumtreiben, die wir in Manyara vermutet, aber nicht angetroffen haben. Wir entdecken eine große Gruppe mit etlichen Tausend Tieren in der Nähe der Moru Kopjes an einem saisonalen See. Wie für uns zum Gefallen kommt Bewegung in die Truppe. Sie starten, wie es sich für einen Schwarm gehört, wie auf Knopfdruck gemeinsam in die Luft und drehen eine großzügige Runde, nur um am anderen Ende des Sees wieder zu landen und mit der Nahrungsaufnahme fortzufahren, als sei gar nichts gewesen. Dankeschön, liebe Flamingos, das war wunderschön!
Piepshow Serengeti

Rotscheitel-Zistensänger 
Gabelracke 
Rotnackenlerche 
Lovebirds 
Savannenadler 
Drei-Farben-Glanzstar 


Aber natürlich fährt man auch um diese Jahreszeit kaum wieder aus der Serengeti hinaus, ohne mindestens einmal große Katzen gesehen zu haben. Es gibt keinen besseren Ort in Tansania um Leoparden zu beobachten, als Seronera. Als wir aus Ndutu eintreffen, vernimmt Karim über Funk, dass sich eine Leopardin mit zwei Jungen an den Rocks aufhalten soll. Ich bin noch immer ziemlich angeschlagen, mag keine Leos mehr suchen, sondern muss mich dringend ein wenig ausruhen, und so teilen wir uns auf. Mirko und Monika möchten auch mit ins Camp, Philipp steigt um zu Wilson. DA war noch alles gut.
Als wir uns später wieder treffen, muss ich schallend lachen. „Wie siehst Du denn aus, Philipp?“ Junge, ist der dreckig! Festgefahren haben sie sich im Schlamm, die Leos übrigens nicht gefunden, und ohne zweites Fahrzeug ist es inmitten der leeren Serengeti (sind ja kaum Fahrzeuge unterwegs) nicht ganz einfach, sich aus so einer Misere zu befreien. Da hilft nur: alle aussteigen und schieben. Wenn keine Steine in der Nähe sind, die man unter die Reifen legen kann, dann braucht es umso mehr Muskelkraft. Mit vereinten Kräften und Wilsons Fahrkünsten kommen sie da zum Glück wieder heraus, aber man darf sich natürlich nie, also NIE, lieber Philipp, zum Anschieben hinter ein Hinterrad begeben. GUT siehste aus! 🙂
Am nächsten Tag gelingt es uns dann tatsächlich, uns an etwa gleicher Stelle noch einmal festzufahren, aber diesmal sind wir ja zum Glück in zwei Autos unterwegs. Schuld ist einer dieser auf wenige Quadratkilometer konzentrierten Wolkenbrüche aus beinahe heiterem Himmel, für die die Region berüchtigt ist. Erst wird der Himmel binnen weniger Minuten schwarz und dann schifft es, man sieht wie sprichwörtlich die Hand vor Augen nicht mehr. Keine Chance für Wilson mit seinem langen Radstand im Schlick! Unser zweites Auto ist kürzer und leichter. Als alles Anschieben nichts taugt, bringen die Jungs im strömenden Regen das Abschleppseil an und mit heulenden Motoren und flankiert von spritzenden Schlammmassen kehren wir irgendwann wieder zurück auf die >Rote Route 1 Richtung Thors Zwillinge*<.
Die Sonne scheint. War was? Die Leoparden-Kinder wollten sich auch heute nicht zeigen.
Wir finden im Abstand von nur 30 Minuten zwei andere Leos, die es sich jeweils in typischer Manier in Astgabeln, bevorzugt in denen von Leberwurstbäumen, bequem machen. Einer steigt gerade herab und jetzt wird’s spannend. Eine Grant-Gazelle lebt mehr als gefährlich. Ich schätze die Distanz zwischen Katze und Beute auf gute 800 Meter. Im hohen Gras gelingt es uns nicht, dem Meister der Tarnung beim Anpirschen mit den Ferngläsern zu folgen. Nur einmal sieht Mirko ihn für wenige Sekunden auf etwa halber Strecke, als das Tier den Kopf hebt und die Gazelle ins Visier nimmt. Es sind noch immer mehr als 500 Meter und die nichts ahnende vermeintliche Beute zieht zufällig langsam aber sicher in die „falsche“ Richtung von dannen, nämlich weg vom Mietzekater. Der Wind aber steht günstig, die Jagd könnte trotzdem jederzeit beginnen. Es ist mucksmäuschenstill in den Autos und vielleicht kommt das der Gazelle spanisch vor, denn sie macht sich wenige Minuten später in großen Sätzen endgültig aus dem Staub. Den Leoparden sehen wir nicht wieder.
Egal. Es ist so wunderbar, einfach die Landschaft zu genießen und alles so zu nehmen, wie es kommt. Wir haben alles gesehen, was man sich nur erträumen konnte, und alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe. Da fahren wir also wieder einmal locker-lässig in den Sonnenaufgang, als Karim neben mir „Löwen!“ brüllt. „Auf der Straße, kommen auf uns zu!“ Wahn-sinn! Gleich sechs hungrige Löwinnen mit flachen Bäuchen halten im schönsten Morgenlicht direkt auf uns zu. Das hohe Gras ist noch feucht von der Nacht, da nutzen die Katzen für weitere Strecken immer mal gerne die sandigen Pisten. „Sie sind sehr hungrig, sie müssen dringend fressen!“, weiß Wilson. Das Dumme ist nur: Hier ist keiner. Weit und breit ist kein Beutetier auszumachen. Wir folgen den Tieren eine ganze Weile, beobachten, wie sie sich an einer Pfütze laben, die Lage peilen, Formation annehmen. Es ist ja so schön anzusehen! Als sie eine ganze Weile später im hohen Gras verschwinden, macht Mirko das erste Bier auf. „Es ist 6:43 Uhr“, sage ich mit hochgezogener Augenbraue. Egal sei das, lässt Mirko mich wissen. „Das war gerade so groß, ich muss jetzt was trinken!“ Ich kann beim besten Willen noch kein Bier trinken, aber ich nehme einen Asbach. Monika ist eh mit von der Partie und Philipp haben wir wohl bis ans Ende aller Tage versaut, denn auch er greift zu und stößt mit an. Right to! Manche Rituale muss man einfach vollziehen!
Und vielen Dank unbedingt ans Küchenteam aus dem Thorntree Camp, das die Frühstücksboxen zehn Minuten zu spät fertig hatte, was unsere Abfahrt verzögert hat. Hätten wir die Kreuzung nur eine Minute früher oder später passiert, wir wären diesen Löwendamen nicht begegnet. Und so bekommt man in der Serengeti eben immer das, was man nicht erwartet. Nichts ist planbar, und alles, was passiert, ist ein Geschenk der Natur.
Karim ist am Funk. „Keiner in der Zentralserengeti hat heute Morgen Katzen gesehen außer uns!“ Sein Gesicht ziert ein wissendes Lächeln. Er weiß, dass er gut war. Es war eine außerordentlich gute, sichtungsreiche Safari und er war der ideale Guide, stand immer richtig zur Sonne, hatte immer die beste Fotoperspektive im Kopf, hat instinktiv und aus Erfahrung die richtigen Orte zur richtigen Zeit aufgesucht. Man kann Begegnungen nicht erzwingen, aber ein guter Guide kann Chancen erhöhen. „Das haben wir uns verdient!“, erwidere ich. „Zum Abschied.“
Die Maschine von Flightlink steht schon auf dem Rollfeld, als wir Seronera Airstrip erreichen. Für uns geht’s jetzt nach Sansibar, die Jungs fahren nach Arusha zurück. „In sieben Stunden seid ihr in Usa, heute Abend zu Hause!“ Ich verabschiede mich wieder einmal von meinem Freund Wilson und schließlich von Karim, der mich fest an sich drückt. Jetzt nur nicht sentimental werden! Ich weiß ja, was ihm dieser Job bedeutet hat. Es ist nicht nur das Geld. Es ist so viel mehr als das. Würde. Ansehen. Da bist Du jemand unter den Safari Guides, wenn Du dieser Tage gute Arbeit hattest. „Sagen Sie jetzt nichts!“, zitiere ich Loriot und muss grinsen. Mein Flieger wartet. „I’ll see you!“
*Das ist natürlich ein Zitat aus JAGD AUF ROTER OKTOBER (einem meiner absoluten Lieblingsfilme)
…weiter geht’s in Kürze aus Sansibar:
„Mitten in der Nacht schrecke ich hoch, weil mir eine fette Ladung Gischt ins Gesicht spritzt. Es schifft, blitzt und donnert und die Palmenwipfel vor meiner kleinen Dachterrasse, wo ich die Nacht verbringe, biegen sich wütend im pfeifenden Sturm. Für einen Augenblick wähne ich mich auf einer mittelalterlichen Kogge auf dem Weg in die Neue Welt. Alles dreht sich. So viel Wein war das doch gar nicht gestern Abend!“










