Go West

Donnerstag, 18.6.

6 Stunden dauert die Fahrt vom Lake Natron bis in die Serengeti üblicherweise. Weil wir wieder tausend-und-einmal zum fotografieren anhalten brauchen wir über 7 Stunden für die Strecke. Armer Wilson!
Also, hier muss man wirklich wissen, wo man lang muss. Mitten in der Pampa, im Nirgendwo, kreuzen sich zwei, ja, wie soll man das nennen? Straßen?? Sagen wir: Pisten! Wilson steigt heute x-mal aus, begutachtet die vor uns liegenden vom vielen Wasser geschaffenen tiefen Furchen in den schlammigen Wegen, nimmt Maß, legt den Donkey-Gang ein und setzt den LandCruiser gekonnt über alle Klippen. Genauso oft erschweren Hindernisse auf vier Beinen unsere Fahrt. Anfangs waren es Esel, Ziegen oder Kühe, die die Straßen blockiert haben, später innerhalb der Serengeti dann Zebras und Gnus.

In Loliondo erstehe ich kühle Cokes für uns alle. In diesem Dorf am – tschuldigung! – Arsch der Welt ist vor jedem, aber auch schon vor jedem Laden eine Vorrichtung zum Händewaschen aufgebaut. Ich habe das gefilmt und fotografiert. Das klappt hier in Tansania einfach erstaunlich gut. Die Menschen sind bestens informiert. Vorgestern in Mto wa Mbu habe ich auf dem Markt ein Geburtstagsgeschenk für Linda erstanden. Natürlich wollten mich alle Shopbesitzer zunächst wie üblich umlagern. Ich habe einmal laut um Gehör gebeten, versichert, etwas kaufen zu wollen und darum gebeten, mir wegen COVID 19 vom Hals zu bleiben und Abstand zu halten. Jeder kapierte das sofort, es gab keinerlei Probleme.

Wir gehören hier zu den ersten Gästen seit Monaten, die die meisten Tansanier zu sehen bekommen, und ich bin wirklich überrascht, wie umfangreich alle über COVID im Thema sind, also, alle, nicht nur die Mitarbeiter der Camps und Lodges, auch die einfachen Händler am Straßenrand. Das freut mich.

Als wir Klein‘s Gate zur Serengeti erreichen strahlen uns die Ranger an. Wir sind die allerersten, die in der post Coronazeit hier einfahren. Nun, wen wundert das, dieser Eingang liegt denkbar abgelegen und im Schnitt hat die Serengeti dieser Tage nur 25 Besucher total pro Tag.
Serengeti. „Weites Land“. Wir sind platt von der langen Fahrt und dem ereignisreichen Tag gestern, wollen eigentlich nur zum Camp, doch macht uns die Natur einen Strich durch die Rechnung. Zebras und Gnus, Gnus und Zebras. Eigentlich sollten sie um diese Zeit im Westen sein. „Aber sie lesen dummerweise keine Reiseprospekte!“, bemerkt Corina. Kilometer um Kilometer fahren wir durchs Land, die Tierdichte reißt nicht ab. „So langsam aber sicher muss man hier von der Great Migration sprechen!“, sage ich. Alle nicken. So ist es. Ich schätze, das sind heute mindestens 10.000 Tiere, die uns sogar noch den Gefallen erweisen, mehrfach vor unseren Augen in Bewegung zu kommen und die Straße vor unserer Nase zu queren.
Wir müssen zum Camp, es wird bald dunkel. Wie schade! „Twende, Wilson, ab jetzt bitte nur noch für Sibirische Tiger halten!“, sagt Corina mit ironischem Unterton, und Wilson gibt Gas. Wenig später geht er in die Eisen. „Simba!“ Eine Löwin schaut aus dem hohen Gras hervor. Im Hintergrund sehe ich mindestens 200 Gnus, 2 Strauße, einen Marabu, 2 Schakale, einen frischen Riss und etliche Geier. „Das ist die Serengeti!“, sage ich glückselig. „Schön!“, antwortet Linda „aber Wilson soll mal 10 Meter zurückfahren!“. Warum? Da liegen 7 Löwen unter der Akazie, dick und rund gefressen, und strecken uns neugierig ihre Köpfe entgegen. Wir anderen haben alle nur die eine Löwin bei der Beute gesehen. Wie cool von Linda – die ersten Löwen in freier Wildbahn und direkt selbst gespottet. Superspitzenklasse.
Wir genießen diese große Szene, die nur die Serengeti kann, reißen uns schweren Herzens los und halten auf das „Serengeti View Camp“ nahe Lobo zu. Es liegt abseits der Piste auf einem Hügel und ist heute umzingelt von Gnus und Zebras. Ich habe das alles gefilmt, zeige die Videos, sobald ich sie fertig habe. Ihr müsst das sehen!

Am Lagerfeuer begießen wir unser Glück mit Gin Tonic, bewundern zu allem Überfluss noch das Kreuz des Südens am wolkenlosen Firmament und lauschen fasziniert, wie Corina eine Kinder-Geschichte aus Tansania zum besten gibt, die davon handelt, woher die Zebras ihre Streifen haben.

Jetzt liege ich auf meinem bequemen Bett, habe mit buchstäblich letzter körperlicher Kraft diesen Tagesbericht verfasst und bin mental noch lange nicht frei oder bereit, mich schlafen zu legen. Das ist alles viel zu spannend! Ich bin umgeben von einer ungeheuren Geräuschkulisse: bellende Zebras, Gnukonzert, Hyänen-Geschrei und soeben, wie ich diese Zeilen mühevoll ins iPhone tippe (das verfluchte N…!) brüllt in der Ferne ein Löwe. Ich schwöre! Laut und deutlich. Ich mach dann mal das Licht aus… who knows. Wobei, ich wollte ja noch den Sternenhimmel fotografieren… mach ich‘s oder lass ich‘s? Ach…

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